Seit vielen hundert Jahren lebt unter uns ein Volk von geheimnisvollem Ursprung, dessen Sprache auf das ferne Morgenland hinweißt, aber dessen Geschichte mit tiefem Dunkel bedeckt ist, ....
 
... daher die Bitte um Beachtung: Hier soll eine wertfreie Darstellung des Wesens und der Herkunft der "Zigeuner" im Mittelalter gegeben werden. Viele Begriffe und Passagen wurden aus alten Dokumenten und Quellen übernommen. Die Bezeichnung "Zigeuner", die früher in Deutschland gebräuchlich war, gilt häufig als diskriminierend und wird auch heute noch so verwendet. Daher wurde das Wort "Zigeuner" in diesem Text in Anführungszeichen gesetzt. Ein Teil der heutigen Sinti und Roma empfindet diesen Begriff verständlicher Weise als herabsetzend. Außerdem bezog sich der Verwaltungsbegriff des „Zigeuners“ nicht nur auf Sinti und Roma. Zuständige Beamte bezeichneten oft auch Jenische als „Zigeuner“, gelegentlich auch Obdachlose und Bettler. Ebenso häufig wurde das Wort „Zigeuner“ als Sammelbezeichnung verwendet.
 
"Zigeuner" - mit diesem Namen verbinden sich viele Klischeevorstellungen, Zigeunermusik, der spanische Flamenco, die virtuose Geigenmusik ungarischer "Zigeuner" und die Romantik am flackernden Lagerfeuer. Schwerwiegender sind Vorstellungen und Beschuldigungen, die auch heute noch oft bedenkenlos geäußert werden: "Die Zigeuner sind Landstreicher, sie sind schmutzig, sie betteln, sie stehlen und betrügen ..."
Im Deutschen wird "Zigeuner" sehr häufig volksetymologisch und irrtümlich als „Zieh-Gäuner“, also „(umher-)ziehende Gauner“, gedeutet. Insbesondere deswegen wird die Bezeichnung heute vielfach als negativ belastet abgelehnt. Das Wort Zigeuner ist jedoch eine Fremdbezeichnung, die in ähnlicher Form in vielen europäischen Sprachen vorkommt. Einer der ältesten lateinischen Belege in Mitteleuropa lautet secanus als Latinisierung des Namens einer Gruppe, die 1417 in Lübeck Aufsehen erregte (Sec(h)anos se nuncupantes).
Gebräuchliche Schreibweisen in alten Dokumenten: Zeugeyner, Ziegeiner, Zigeuner, Ziegeyner, Zigeyner, Zigeiner, Zügeuner, Zygeuner, Zyginer, Zeginer, Ziegäuner, Attingani, Ciani, Cigani, Cingrali, Cingani, Cingari, Sigari, Singari, Zigani, Zigarai, Zigari, Zigeni, Zigeuni, Zingani, Zingari, Zygeri, Gypsies, Gitanos, etc.
Bei den Franzosen war der Namen Bohémiens üblicher, was allerdings nicht auf eine wunderliche Vermengung mit der Sekte der böhmischen Brüder zurückzuführen sein dürfte, als eher auf eine Herleitung auf die des Königs von Ungarn und Böhmens Schutzbettelbriefe.
Die Herkunft des Wortes „Zigeuner“ ist nicht genau geklärt. Laut Brockhaus ist es über das Ungarische aus dem älteren Bulgarischen acigane entlehnt, das wieder auf das Byzantinische atsinganoi zurückgeht und zunächst eine kleine westasiatische Sekte der "Unberührbaren" (griech. tingano "berühre") bezeichnete.
 Die Geschichtsschreibung stützt sich auf zweierlei Arten von Quellen, die etwas über die Lebenssituation von "Zigeunern" aussagen: erstens auf die Aufzeichnungen von Chronisten, die als Repräsentanten einer anderen Sprach- und Kulturgemeinschaft nicht frei von Vorurteilen waren und nur punktuell die Geschichte der Sinti und Roma erwähnten; zweitens auf die Interpretationen der Behördenerlasse, die sich mit der Regelung der „Zigeunerfrage“ befassten. Doch gerieten hier nur jene wandernden und umherziehenden Gruppen ins Blickfeld, die für die Obrigkeit ein Problem darstellten.
Sinti leben traditionell seit dem 14. bzw. 15. Jahrhundert auf deutschsprachigem Gebiet. Roma sind in Deutschland später heimisch geworden. Immer wieder in der Geschichte waren Sinti und Roma Diskriminierungen ausgesetzt, wurden aus Erwerbszweigen verdrängt und aus Städten oder Regionen vertrieben. Teilweise wurden bis in dieses Jahrhundert Versuche von Sinti verhindert, in ihrer Heimatregion sesshaft zu werden. Diese Völkergruppen waren nicht nur Vagabunden (Gauner, Bettler, Diebe, Spielleute, Tänzer, Wahrsager...), viele waren auch Handwerker, Händler, etc.
Bereits im 15. Jahrhundert traten sie auf Jahrmärkten, Marktplätzen und in den Wirtsstuben als Spielleute auf und beteiligten sich an weltlichen und religiösen Feiern. Man nannte diese Zeitepoche auch das „Goldene Zeitalter der Zigeuner“.
 
Auftauchen der "Zigeuner" in Deutschland 
Wie vom Himmel gefallen erscheint auf einmal das Volk der "Zigeuner" in Europa. Seit dem späten 14. Jahrhundert ist ihre Anwesenheit in Ungarn und seit dem frühen 15. Jahrhundert in Mitteleuropa belegt. Die damaligen Chronikschreiber berichten uns zwar, dass jene braunen Leute in dem und dem Jahr in verschiedenen Städten erschienen seien und zwar in einer Art und in einem Aufzug, wie er ihnen teilweise noch heute nachgesagt wird. Woher sie kamen, welche Sprache sie redeten, das hat aber keiner mit Gewissheit angegeben. Der ägyptische Ursprung wurde, grundlos genug, auf Treue und Glauben angenommen. Was die Sprache betrifft, aus welcher sich mit mehr Sicherheit hätte auf das eigentliche Vaterland der Ankömmlinge schließen lassen, so war wohl in jener finsteren Zeit es nicht denkbar, dass einer der sogenannten Gelehrten außer seiner Muttersprache mehr, als höchstens etwas Lateinisch verstand.
 
(1392) 1407
Erstes Auftauchen in Deutschland wird urkundlich (in manchen Quellen auch 1392) in Hildesheim erwähnt. Anlässlich einer Überprüfung ihrer Papiere mussten sie sich am 20. September 1407 auf der Stadtschreiberei einfinden.
1417
Es war zur Zeit des Concils zu Konstanz, dass sich in den Hansestädten an der Nord- und Ostsee " ... ein wildfremdes, wütendes Volk von schwarzem und gräulichem Ansehen, schmutzig und unheimlich", sehen ließ. Johannes von Müller fügt noch hinzu: " ... eine große Schaar unbekannter Nation, braun von Farbe, fremd von Gestalt, in Kleidern gering, mit Pässen von der obersten geistlichen und weltlichen Macht - Damals hielten sie christliche Sitte" (als Landesbrauch; ihren Glauben gibt niemand an) "und wurden geduldet, als die Gold und Edelsteine hatten." Von den Einwohnern "Tatern", das heißt Tartaren, genannt, bezeichneten sie sich selbst als Secaner; die Germanen gaben ihnen auch die Bezeichnungen Saracenen und Heiden. Man schrieb, sie wären angekommen mit Pferden, Maultieren, Eseln und zur Jagd abgerichteten Hunden, Leute beiderlei Geschlechts, alt und jung.
Sie zählten, ohne die Kinder, etwa 300 Köpfe; an ihrer Spitze standen ein "Herzog" und ein "Graf", welche die Gerichtsbarkeit über die Waffe ausübten, auf stattlichen Rossen und mit buntem Flitter behangen einherstolzierend. Die edlen Führer wiesen Schutzbriefe des Kaisers Siegmund vor, die er ihnen zu Konstanz oder Lindau ausgestellt haben sollte. Laut denselben kamen diese Secani - später "Zigeuner" - aus Klein-Ägypten (daher auch die Namen Aegyptii, Gypsies, Gitanos, Pharaoniden), waren ursprünglich gute Christen, bis ihre Väter abtrünnig geworden und sich zum Heidentum gewandt; "darauf hätten ihnen ihre Bischöfe als Buße auferlegt, sieben Jahre lang die Welt zu durchirren und von den Almosen der Christenheit ihr Leben zu fristen." Da die kaiserlichen Privilegien keinerlei Spur der Unechtheit an sich trugen, fanden die Abenteurer in Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund sowie Greifswald zuvorkommende Aufnahme und reiche Unterstützung. Als aber bald die eigentliche Natur dieser angeblichen Pilger sich in großartigen Diebereien kundgab, schritten die Behörden ein, und mancher dieser Klein-Ägypter endete am Galgen. Die ganze Bande verließ nun die unwirtlichen Gestade des baltischen Meeres, um in Mittel- und Süddeutschland einen günstigeren Boden für ihre Operationen aufzusuchen. Allein auch in Meißen, Leipzig und im Hessenlande wusste man bald so viel von ihren Verletzungen des Eigentums und anderen bedenklichen Gelüsten zu reden, dass auch dort auf ihr erstes Auftreten fast ungesäumt ihre Austreibung erfolgen musste.
1418/1419
Noch im Jahr 1418 wandten sie sich gen Schweiz und fanden auf ihrem Wege auch in den Augsburger Chroniken (je nach Quelle 1418 oder 1419) als "Schelmen und Galgenschwengel" Erwähnung, welche mit nur 70 Menschen, darunter zwei sogenannte Herzöge und Grafen, erschienen.
Durch Graubünden und die Appenzell'schen Lande waren sie gen Zürich gezogen; am 1. August 1418 erreichten sie die Stadt selbst, campierten aber größtenteils vor den Toren derselben. Johannes von Müller berichtet in seinen Geschichten über deren erstes Auftreten in der Schweiz: "Von allen Ländern, wo fremde Sprachen geredet wurden, wussten die damaligen Menschen so wenig, dass die Zigeuner nicht verstanden werden mochten, oder ungeahndet logen"
Nachdem die Fremden sechs Tage lang vor Zürich gelagert und dort viel Sympahtie gefunden hatte, brachen sie auf nach dem Aargau gen Baden und teilte sich dort in zwei Schaaren. Die eine überschritt den Bötzberg; es ist wohl dies derselbe Trupp, der am 1. Oktober 1419 zuerst in Südfrankreich, in der provencalischen Stadt Sifteron, auftaucht. Die ansehnlichere Schaar wandte sich nach dem Elsaß und umschwärmte Straßburg; am 1. November 1418. Im Ganzen nur 50 Männer, darunter viele "Ritter" das heißt wohl "nur" Berittene, mit einem Tross von hässlichen Weibern und Kindern, wo sie angestaunt und unterstützt wurden.Überall beriefen sie sich auf die kaiserlichen Pässe.
1422 Sie erschienen zu Basel und bei dieser Schaar befanden sich 50 Pferde.
1423
König Sigismund stellt einem "Zigeuner"-führer einen wohlwollenden Geleitbrief aus. Diese Sonderrechte verdankten die "Zigeuner" dem Adel, der sich über die Abwechslung, welche die Sinti mit ihrer Musik brachten, amüsierte. Gleichzeitig erkannten sie auch den Nutzen der handwerklichen Fähigkeiten der Sinti, insbesondere bei Gold- und Kunstschmiedearbeiten, im Musikinstrumenten- insbesondere Geigenbau und der Waffenherstellung. Die Sonderrechte brachten zunächst Anerkennungen, brachten bald aber auch Neid der einheimischen Handwerker und Zünfte und auch der Kirchen infolge der Wahrsagekünste der Zigeunerfrauen, was mit den Glaubensvorstellungen nicht vereinbar war.
(aus dem lateinischen übersetzt) "... Als unsere Getreuen sind persönlich gekommen Ladislaus Waynoda mit anderen zu ihm selbst gehörenden Zigeunern, sie haben die demütigsten Bitten vorgebracht, hier in unserer Zipserburg mit solcher Inbrunst, dass wir in unserer überreichen Gnade sie der Vorsorge für würdig halten ... Aus welchem Grunde und sooft derselbe Ladislaus Waynoda und sein Volk zu unseren genannten Besitzungen, nämlich zu den Bürgerschaften und Städten, gelangen, befehlen wir daher euch allen getreuen Anwesenden nachdrücklich, dass ihr denselben Ladislaus Waynoda und die ihm untergebenen Zigeuner ohne jede Behinderung und Störung auf jede Weise unterstützen und bewahren sollt; ihr sollt sie gewiss vor allen Behinderungen und Angriffen schützen; wenn aber unter ihnen selbst durch irgendeinen Zigeuner eine Verwirrung entstehen sollte, aus welchem Grund auch immer, möget nicht ihr oder ein anderer von euch, sondern derselbe Ladislaus Waynoda die Erlaubnis haben, zu verurteilen und freizusprechen. Den Anwesenden aber befehlen wir, dass es nach dem Lesen, dem Vorzeigen immer zurückgegeben wird. Gegeben in unserer Zipserburg Residenz ... Im Jahre des Herrn 1423 ..."
1424/1427
Nachdem 1424 eine "Bande" sich in Bayern gezeigt und auf den Zipfer Schutzbrief Siegmund's hin dort gebettelt und gestohlen hatte - wohl die selbe, die am 21. September 1426 die Reichstadt Regensburg heimsuchte -, finden wir sie im Sommer 1427 vor den Toren Paris.
Für den Monat August verzeichnet die Regensburger Chronik die Anwesenheit von Cingari, auch Cigäwnär genannt. Es wird ebenfalls berichtet, dass den Nichtsesshaften untersagt sei in den Städten zu wohnen, sowie deren Herkunftsgebiet: Ungarn. Auch ist die Rede von mehreren Geleitbriefen.
1426/1433
Erneute Erwähnung eines Trupps "vom Stamm der Zigeuner" in Regensburg, die ihre Zelte an der Donau aufschlagen. Herkunftsland: Ägypten
1427
Vermerk in der Augsburger Stadtchronik: Anwesenheit von "Leut aus Ägypten mit Weib und Kind" vor den Toren der Stadt; ebenso ein Zusatz darüber dass sie erstmalig "Zigeuner" genannt wurden.
1438
Die eigentlichen grösseren Einwanderungen der "Zigeuner" in Westeuropa und ihre Zerstreuung über den ganzen Kontinent lässt sich um das Jahr 1438 datieren. Man hatte in Süddeutschland, selbst in Bayern, die "Zigeuner", die dort noch vor fünf Jahren sich gezeigt hatten, ganz vergessen, als plötzlich große, mehrere Tausend zählende "Banden" im Westen erschienen. Sie kamen direkt aus Ungarn, wo wohl der Tod ihres Protectors Siegmund den ersten Anstoß dazu gegeben hat. Sie scheinen nun lange in Süddeutschland herumvagabundiert zu haben, ehe sie sich wieder über dir Grenzen des römischen Reichs hinauswagten.
1448
Der Reichstag zu Freiburg erklärt den Schutzbrief für ungültig und die „Zigeuner“ für „vogelfrei“.
1453 ff
Die Türken haben Konstantinopel erobert; folglich durchziehen Scharen griechischer Flüchtlinge Mittel- und Westeuropa, da in den Stadtchroniken kaum die Nationalitäten festgeschrieben wurden, kann aufgrund der Bezeichnungen (Tartaren, Sarazenen, Bohémiens, Heiden ...) davon ausgegangen werden, dass hier auch Sinti und Roma mitgezogen sind.
1482
Der Kurfürst von Brandenburg verfasst eine Anweisung an den Bürgermeister und den Rat der Stadt Kitzingen, dass in seinem Gebiet die Ansiedlung von "Zigeunern" nicht gestattet sei.
1492
In Spanien waren Sinti und Roma unter der Herrschaft der Mauren frei. Dies änderte sich jedoch mit der Vertreibung der Mauren.
1496/1497
wurden in Lindau und Freiburg durch die Reichstage die Schutzbriefe von Kaiser Sigismund erstmals offiziell aufgehoben. Wer einen "Zigeuner" auf seinem Besitz antraf durfte ihn fortan straflos töten - die "Zigeuner" galten nun ja als vogelfrei.
Mit den Reichstagen von Lindau und Freiburg (1496, 1497 und 1498) folgte auch das Deutsche Reich diesem Beispiel, hob den Schutzbrief Siegesmunds auf und erklärte alle Sinti für vogelfrei. Jedermann konnte sie jagen, auspeitschen, einsperren oder töten. Dank der deutschen Kleinstaaterei kam es nicht überall zu einer konsequenten Anwendung dieser Reichsgesetze. 
1499
Zwischen 1499 und 1783 wurden mehr als ein Dutzend Gesetze erlassen, die den Gebrauch von Tracht, Sprache und Gebräuchen unter Strafe stellten, um eine Assimilation zu erzwingen.
1500
Kaiser Maximilian I. bekräftigt auf dem Reichstag zu Augsburg die Beschlüsse früherer Reichstage gegen die "Zigeuner"
1516
Die "gemeine Landordnung für das Fürstentum Ober- und Niederbayern" untersagt "den Reisigen und Fußknechten die keinen Dienst haben" ebenso wie den "Zygegeynern" im Land zu leben oder umher zu ziehen. Das "Verbot wider die Zygegeyner" ist wörtlich die Wiederholung dessen, was auf dem Reichstag zu Freiburg 1498 festgelegt wurde.
1539
Die ersten offiziellen Unterdrückungsmaßnahmen in Frankreich gehen auf das Jahr 1539 zurück. Damals wurden Sinti und Roma aus Paris vertrieben.
1551
erging auf dem Reichstag zu Augsburg der Erlass, dass alle "Zigeuner" das Land innerhalb von 3 Monaten verlassen müssten.
 
Der erste Einzug der "Zigeuner" in Frankfurt wird wie folgt geschildert: "Es hatten sich nämlich seit kurzer Zeit eine Menge von landstreicherischen Horden im Osten des deutschen Landes gezeigt, von fremder Abkunft, dunkler Farbe, zerlumpter, abenteuerlicher Kleidung, kauderwelscher Sprache und unbekannten Sitten. Diese Eigenschaften, mehr noch der Fremdlinge überkeckes Tun und Treiben, hatten die Landleute in Staunen und Bestürzung versetzt; denn nichts von dem, was klingt und leuchtet und glänzt, war sicher vor den habsüchtigen Händen der Fremden; aber auch Hühnerhöfe, Taubenschläge und Ferkelställe leerten sie aus, verzehrend, was ihnen gerade behagte, vertauschend gegen Geld, was sie gerade im Überfluss besaßen und verderbend, was ihnen unnützlich erschien. Mit Unwillen sah der Bauer das zuchtlose Betragen des, gleich wie vom Himmel geschneites Gesindel, dessen Ursprung, Name, Zunge und Bestimmung auch dem Gelehrtesten unbekannt war. Mut im ehrlichen Streite schien eben nicht ihre Sache zu sein.
Helle Haufen von Weibern, braunen Angesichts, mit glänzend schwarzen Haaren, ihre Kinder teils führend an der Hand, teils tragend auf dem Rücken, eröffneten den Zug. Zerlumptes Männervolk mit Zwerchsäcken, Bündeln und Schläuchen auf den Schultern, Hahnenfedern auf den Mützen und kurzen Messern an der Seite, folgten. Ihre Gesichter waren meistens dunkel, wie die braune Kastanie, ihre Augen schwarz und lebendig, das Haar kurz und von gleicher Farbe, die Zähne lang und glänzend wie das Elfenbein. Koppeln von Hunden wurden tobend verbeigetrieben, einzelne Bewaffnete, auf Eseln oder dürren Kleppern reitend, folgten einer barbarischen Musik, Schaaren von Sängern und Spielleuten, die mit kleinen Trommeln, Handpauken, Schellen, blechernen Klingdeckeln, Dudelsäcken und kleinen Mohrenpfeifen einen wüsten Jubel unterhielten. Hinter ihnen wurde die Stange, mit vergoldetem Knopfe und Büscheln von Rosshaaren geschmückt, getragen, von welcher an goldenen Schnüren der große pergamentene Freibrief herab hing, den Kaiser Sigismund dem aus fernem Osten heranziehenden ägyptischen Volke hatte ausfertigen lassen und den viele große Herren und Städte durch ihr Insiegel bekräftigt hatten. Die prächtige Kleidung des Herzogs dieser Horden, der unter dem Schatten eines Pergament-Paniers, auf einem schellengeschmückten Maultier einhertrabte, stach grell gegen die zerlumpte Tracht seiner Untergebenen ab. Das ungarische Gewand starrte von goldenen Zierraten; auf seiner Mütze prangte ein Büschel von roten Hahnenfedern und unter dem pelzverbrämten Rande dieses Hauptschmucks blitzten Augen hervor, die das Mannes Beruf, über das ungeschlachte Volk den Stab der Gewalt zu schwingen, auf bündigste bekräftigten. Um ihn her wurden die Kochgeschirre der Horde getragen, Schläuche mit Wein, Säcke mit Mundvorräten. Weiber und Männer - die rüstigsten aus allen - mit langen Speeren bewaffnet, folgten dem Zuge und an diesen schloss sich, die Nachhut des Heeres bildend, ein unzähliger Schwarm Gesindel, Trossvolk und schwarz gebrannte, mit langen Knebelbärten gezierte Burschen, die den verwegenen Blick nach allen Seiten richteten und bereit schienen, bei der ersten, verdächtigen Bewegung des Volks, wie blutlechzende Hunde in dessen Reihen einzubrechen und zu morden und zu plündern nach Gefallen und Willkür."
 
1496 bis 1499 befand sich der kölnische Patrizier Arnold von Harff auf Pilgerfahrt in den italienischen Landen und beschrieb in seinen Reiseberichten die "ägyptischen Vagabunden" (welche damals dort schon geächtet und somit landflüchtig geworden waren) auf folgende Weise: Nachdem er die erstere, vordere Vorstadt von Madone "eine lange Straße, in der eitel Juden wohnen", durchstreift, ging er mit seinen Begleitern zur zweiten, hinteren Vorstadt hinaus. "Da wohnen", so meldet er, "viel arme Leute in kleinen mit Riet gedeckten Häusern, wohl an die 300 Familien, Suyginer genannt, dieselben, die wir bei uns Heiden aus Aegypten nennen und die in unsern Landen umherziehen. Hier treibt das Volk allerlei Handwerk, Schuhmachern, Schuhflicken und auch Schmieden, was gar seltsam anzusehen ist. Der Ambos stand auf der Erde, der mann saß davor wie ein Schneider bei uns; bei ihm saß seine Frau gleichfalls auf der Erde und spann. Zwischen ihnen beiden befand sich das Feuer. Dabei waren zwei kleine lederne Säcke, wie bei einem Dudelsack, angebracht, deren Hälfte in der Erde dem Feuer zugewandt war. Während nun die Frau saß und spann, hob sie zuweilen einen der Säcke von der Erde auf und Stieß ihn dann wieder nieder; das gab durch die Erde dem Feuer Wind, so dass der Mann dabei schmieden konnte." - Noch bis in das 19. Jahrhundert hat sich diese Arbeitsweise bei den Zigeunern in Ungarn ganz unverändert erhalten."Dies Volk", so fährt er fort, "stammt aus einem Lande namens Syppe, das etwa 40 Meilen von Modone entfernt liegt. Vor sechzig Jahren - also um 1436 - nahm der türkische Kaiser diese Landschaft ein, worauf etliche Grafen und Herren, sie sich nicht unter desselben Gewalt begeben wollten, nach Rom zu unserem geistlichen Vater flüchteten und von ihm Trost und Beistand begehrten. Da gab er ihnen Empfehlungsbriefe an den römischen Kaiser und an alle Reichsfürsten, sie möchten ihnen Geleit geben und Beistand leisten, weil sie um des christlichen Glaubens Willen vertrieben wären. Allein obgleich sie die Briefe allen Fürsten zeigten, fanden sie nirgendwo Beistand. So starben sie in Verbannung, die Briefe aber kamen an ihre Diener und Kinder, die noch heut zu Tage in unsern Landen umherziehen und sich von Klein Aegypten nennen. Das ist jedoch erlogen, denn ihre Eltern stammen aus der Landschaft Syppe, auch Suginien genannt, die nicht so weit von Köln, wie von Aegypten entfernt liegt. Diese Vagabunden aber sind böse Buben und spionieren die Lande aus". Anmerkung: Weder ein Nachweis der Landschaft Syppe noch zu Suginia wurde bisher erbracht.
 
Bald darauf aber endete die Herrlichkeit der "feinen Herren" in Deutschland, denn auf dem Augsburger Reichstage ward das erste Verbannungsedikt gegen diese "Spione des türkischen Sultans" publiziert, dem im Laufe der Zeit viele ähnliche folgten. Schon vorher, 1477, waren die Zigeuner aus dem Gebiet von Genf ausgewiesen worden; aber auch hier fruchteten solche Erlasse so wenig, dass 1514 und 1532 verschärfte Maßregeln gegen diese spähenden Vagabunden getroffen wurden. Sie ließen sich nicht einmal mehr "ausrotten". Die große "Bande" verbreitete sich blitzschnell im ganzen Occident. 1531 schleuderte auch Heinrich VIII in England den "Ägyptern" eine Bannbulle entgegen, wie es ebenfalls in vielen anderen europäischen Ländern geschah.
 
 
Ursprung 
Alle Zeugnisse vor dem 18./19. Jahrhundert stimmen darin überein, dass sie aus Ungarn kamen und dass sie Empfehlungen des Palatins Nicolaus von Gara vorzuweisen hatten. Es scheint fast, dass sie zunächst sich durch Süddeutschland nach Konstanz schlichen, dort auf jene Schreiben Gara's hin die kaiserlichen Freibriefe erlangten und sich dann schleunigst möglichst weit vom Sitze des Kaisers und Concils entfernten, um in dem entlegenen Norddeutschland ihren großartigen Bettel- und Schwindelunfug zu beginnen.
 
Es wird allgemein angenommen, dass die Vorfahren der heutigen Sinti und Roma in unterschiedlichen Gruppen und zu unterschiedlichen Zeiten ihre ursprünglichen Siedlungsräume verließen, zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert über Persien und Armenien weiter westwärts aus indischen Gebieten migrierten und über Südosteuropa nach Mittel- und Westeuropa gelangten.
Aus ihrer Urheimat, dem Punjab, einem Gebiet im nordwestlichen Indien und östlichen Pakistan verschleppten die Araber bei ihren Eroberungsfeldzügen im 9. und 10. Jahrhundert die Bewohner, um sie als Sklaven und Soldaten gegen die oströmischen Legionen ins Feld zu schicken. Im 11. Jahrhundert nahmen die Moslems bei ihren Feldzügen ca. weitere 500.000 Zigeuner als Gefangene mit. Die meisten wurden als Sklaven auf den Balkan verbracht. Nach Griechenland, Rumänien, Serbien, Transsylvanien und in der Walachei kamen sie ebenfalls als verkaufte Sklaven. Dadurch setzte eine massive Auswanderung ein. Die Sinti und Roma zogen zunächst über Persien nach Kleinasien und in das Byzantinische Reich. Die "Zigeuner" kamen unzweifelhaft in Folge eines Mongolensturms, vollgepackt mit ihren Frauen, Kindern und diversen Habseligkeiten, in Richtung Griechenland nach Europa, aber nicht im 14. und 15. Jahrhundert, sondern schon im 13. mit den Nachfolgern Dschingiskhan's.
 
Obwohl Sinti und Roma seit mehr als 500 Jahren in Europa leben, wurde die Frage nach ihrer Herkunft erst Ende des 18. Jahrhunderts geklärt.
 
Der Schlüssel zu ihrer wirklichen Herkunft ist ihre Sprache, das "Romanes". Die Sprache der Sinti zeigt an, dass es sich bei ihnen um die älteste in deutsches Sprachgebiet zugewanderte Teilethnie der Roma handelt.
 
Die Sprachforschung zu diesem Volk gibt Hinweise darauf, dass sich Sprachteile der verschiedensten Länder Europas und Asiens mischten, auch sind Bestandteile des Rotwelschen darin zu finden.. Der Name Sinte, den sie sich selbst zulegten - daher Zincali und "Zigeuner" -, scheint auf Anwohner des Indus (oder Sind) hinzuweisen; wahrscheinlich gehören sie zu dem Gebirgsvolk der Dschats, mit welchem Namen ihre Stammesgenossen in Persien noch heute bezeichnet werden. Der grösste Teil ihres Wortschatzes weist Wörter indischen Ursprungs und indischer Dialekte auf. Das "Romanes" der Sinti und Roma belegt eine Herkunft aus dem Nordwesten Indiens (Punjab). Es entstammt aus der alten indischen Sprache Sanskrit. Sie wird hauptsächlich mündlich weitergegeben. Da das Romanes sehr lange nur als gesprochenes Wort existierte, gibt es keine von Roma verfassten schriftliche Zeugnisse aus der Vergangenheit.
 
Aus einem Zeugnis des Simon Simeon vom Jahre 1332 auf seiner Pilgerfahrt nach Jerusalem, geht hervor, dass er dort ein fremdes, schmutziges, untätiges Volk aus dem Geschlecht Chan gefunden hat. Allerdings ist dieses nur beiläufig erwähnt und lässt hier keinen eindeutigen Schluss auf die "Zigeuner" zu. Sicherlich stimmt das zu der Angabe, dass sie an keinem Ort länger als dreißig Tage weilten, in kleinen Zelten und Höhlen ihr Obdach suchten, aber eine direkte Einwanderung dieser Abenteurer aus Ägypten, oder ihre Identität lässt sich um so weniger beweisen, als der Reisende den Namen dieses ihm rätselhaften Volkes, das übrigens nach seiner Angabe der griechischen Kirche zugetan war, nirgendwo mit einer Silbe erwähnt wurde.
Um das Jahr 1398 bestätigte der venetianische Statthalter der griechischen Kolonie Nauplion, Ottaviano Buono, den dortigen "Zigeunern" und speziell ihrem Häuptling Johann die von seinen Vorgängern verliehenen Privilegien. Sie mussten also damals schon längere Zeit im Peleponnes ansässig sein. Und nicht nur die zahlreichen Ruinen, welche noch heute den Namen Ägypter- oder Zigeunerburgen führen bestätigen diese Voraussetzung, sondern es ergibt sich sogar, dass bereits 1414 die "Zigeuner" einen eigenen, nicht ganz unbeträchtlichen Bruchteil der Bevölkerung von Morea ausmachten.
Schon im zweiten Jahrzehnt des 14. Jahrhunderts, etwa zur Zeit des Fürsten Stefan I., waren zahlreiche Schaaren von Walachen in Thessalien eingewandert und hatten sich an den Abhängen des Pindus angesiedelt, wo sie sich meist von Viehzucht ernährten.
Viele "Zigeuner" wanderten aus der Walachai gen Nordgriechenland. In der Walachai finden wir sie in den ältesten Belgen zuerst als Sklaven der reich dotierten Klöster. Im Jahre 1387 bestätigte der Hofpodar Mirce I. dem Kloster St. Anton zu Tismana im Banate von Krajova die Schenkung von 40 Zalaszi (Zelten) "Zigeuner", die demselben von seinem Fürst Blad I. gemacht worden waren. Da nun letzterer von 1340-1342 den Thron der Walachai inne hatte, ergibt sich urkundlich, dass die "Zigeuner" bereits in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts in der Walachai existierten, und zwar in dem Zustand der Leibeigenschaft. Die Lajessi aber waren es, die im 15. Jahrhundert, mindestens aber seit 1438, den Occident förmlich überfluteten.
 
Entgegen allen Vorurteilen sind Sinti und Roma in Deutschland größtenteils seit Generationen (ca. 600 Jahre - somit seit dem 14. Jahrhundert) ebenso sesshaft wie die Mehrheitsbevölkerung.
 
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