Vorbemerkung: Die Begrifflichkeit der "Behinderung" entstand erst in neuerer Zeit. Im Mittelalter ist eher die Rede von kranken, lahmen, gebrechlichen, schwerhörigen, blinden, buckligen und so weiter Somit ist eine Eingrenzung und Recherche zu diesem Thema im mittelalterlichen Bereich nicht immer eindeutig bzw schwer möglich. Oftmals ist eine Trennung zwischen kranken und behinderten Menschen fast unmöglich, besonders im Bereich der Hospitäler.Die Aufzeichnungen zu diesem Themenbereich sind überwiegend seit dem 15./16. Jahrhundert erfolgt. In den Zeiten zuvor kann leider nur auf Aufzeichnungen des Themenkreises "Wunder" zurückgegriffen werden. Eine Neutralität zwischen Heil und Heilung ist hier leider nicht gewährleistet. Es wird auf dieser Seite versucht soweit möglich auf fundierte Erkenntnisse zuzugreifen und darzustellen.

 

Körperbehinderungen traten im Lauf der Geschichte immer wieder auf. Bei sichtbaren körperlichen Behinderungen war die Überlebenschance aus medizinischer Sicht sowieso weit geringer.

Sowohl aus rechtlicher, medizinischer und religiöser Sicht war Behinderung und Krankheit eine Minderung des Wertes einer Person, die dieser selbst zur Last gelegt wurde. Der mittelalterlichen Mentalität war es völlig fremd, einen Behinderten ungeachtet seiner Behinderung als vollwertig zu akzeptieren. Einer der ganz seltenen Ausnahmefälle war der weitgehend gelähmte Gelehrte und Mönch Hermannus contractus (1013-1054). Unzählige Behinderte und Kranke sollen im Rahmen von Teufelsaustreibungen gequält und als Hexen verbrannt worden sein.

Die Risiken im damaligen Leben waren vorallem dort hoch, wo schwere körperliche Arbeit seit früher Jugend die ständige Gefahr von Unfällen in sich barg.

Zeugnisse aus der Literatur und Malerei weisen auf die untersten gesellschaftlichen Positionen der Behinderten hin, da sie vom Wohlwollen übergeordneter Stände abhängig waren. Als Almosenempfänger konnten sie den herrschenden Ständen immerhin geistliche Verdienste bescheren. In Not- und Krisenzeiten wurden sie jedoch als lästige Wegelagerer verjagt. Nur Ordensgemeinschaften nahmen sich in kontinuierlicher Fürsorge Behinderter und Kranker an.

Im Mittelalter riefen Behinderungen in der Regel nicht Zuneigung und Fürsorge hervor, sondern führten in erster Linie zu rechtlichen Nachteilen. Vielmehr noch: Menschen, die nicht der Vorstellung vom menschlichen Ebenbild Gottes entsprachen oder deren Gebrechen auf eine Verwandtschaft mit dem hinkenden Satan schließen ließen, waren verdächtig, vom Teufel besessen zu sein.

Die Überzeugung, ein neu geborenes Kind, das nicht den damaligen Vorstellungen von Normalität entsprachen, sei ein ausgewechseltes, von satanischen Mächten untergeschobenes Kind, ein "Wechselbalg". Um satanische Mächte zur Rückgabe des Kindes zu bewegen, wurde geraten, den Wechselbalg mit "geweihten Ruten" bis auf das Blut zu schlagen, ihm die Nahrung zu entziehen, es auszusetzen oder zu töten.

Luther empfahl, man solle "Wechselbälge" und "Kielkröppe" ersäufen, da ein solches Kind lediglich ein vom Satan in die Wiege gelegtes Stück seelenloses Fleisch ("massa carnis") war. Die teuflische Besessenheit erwachsener Behinderter wurde auch im Rahmen von Hexenprozessen durch die damals üblichen Folterungen "bewiesen" und dann durch, teilweise äußerst grausame, exorzistische Behandlungsmethoden oder durch Verbrennen geahndet. Meist vertrieb die Obrigkeit "Irre" und Behinderte aus den Städten und Dörfern. Sie beauftragten Fuhrleute oder Binnenschiffer, diese an irgendeinem Ort auszusetzen. Im ausgehenden Mittelalter, zu Beginn der Neuzeit ging man vermehrt dazu über, betroffene Menschen im besten Falle in Spitäler einzuweisen, eher aber in Gefängnisse, Narren- und Tollhäuser ("Narrentürme") einzusperren.

Die mittelalterlichen Vorstellungen speisten sich aus germanisch-vorchristlichen, antik-heidnischen und christlich-jüdischen Auffassungen. Die antik-heidnischen Quellen legten nahe, dass aus dem Zustand des Körpers ein Schluss auf den Charakter der Seele möglich sei. Eine im 12. Jahrhundert verbreitete Schrift über die Physiognomik schließt aus bestimmten körperlichen Merkmalen unmittelbar auf den Charakter und warnt vor dem Umgang mit behinderten Menschen. Germanisch-heidnische Vorstellungen sahen in körperlichen Defekten immer eine Wertminderung der Person, die sich quantifizieren ließ und auch rechtliche Folgen hatte. Unfälle und Krankheiten ungeklärter Ursache wurden aus dieser Linie als Gottesurteile begriffen. Hier fügten sich nahtlos die jüdisch-christlichen Auffassungen ein: In den biblischen Quellen erfolgen die diversen Wunderheilungen immer erst nach der Vergebung der Sünden, was im Umkehrschluss bedeutet, dass Sünden die Ursache der Erkrankungen seien. Die Schilderung der Heilung des Gelähmten in diesem Kontext war den Gläubigen des Mittelalters allgemein bekannt.

In der öffentlichen Einschätzung hatten geistig Behinderte eine Sonderrolle inne: galten sie einerseits als "Trottel" oder Narren, wurden sie andererseits als Dämonen gefürchtet oder, wenn auch selten, als Heilige verehrt.

Schwachsinnige wurden auf Jahrmärkten zur Schau gestellt, als Narr zum Spielzeug und Gespött, als Dämon gefürchtet, aber auch als schwaches Wesen unter den besonderen Schutz Gottes gestellt.

Dafür gab es mehr Behinderungen und Amputationen, die durch Krieg, Unfall oder Krankheit hervor gerufen wurden. Aber immerhin zählten Körperbehinderte zu den "würdigen Armen", die Anspruch auf Fürsorge hatten. Sie wurden auch von Klöstern oder Adelhäusern versorgt und bettelten vor den Stadttoren, an Kirchen oder Marktplätzen etc. mehr oder minder ungestört. Das zählte insoweit zur "ehrlichen Arbeit", als sie für die Gaben entsprechenden Gebete für den Spender sprachen und damit eine adäquate Gegenleistung für dessen Seelenheil boten.

 

Einige Städte erließen eigene Bettelordnungen, um einheimische Bettler zu bevorzugen und die Bettelei in geordnete Bahnen zu bringen. So musste man ein „Bettelblechchen“ tragen, um Armenspeisen und ähnliche Vergünstigungen zu erhalten (von diesem Blech kommt auch der Ausspruch „heiligs Blächle!“). Außerdem erhielten Behinderte von der Bettelordnung (Nürnberg 1518) einen Sonderstatus: „Die nicht Krüppel, lahm oder blind sind, sollen an keinem Werktag … an der Bettelstatt müßig sitzen.“

Nürnberg erließ im Jahre 1370 die erste Bettelordnung in Deutschland. Auf Grund der wirtschaftlichen Stärke der Stadt zog diese besonders viele Almosenempfänger an. Inhalt der Bettelordnung:

  • Das Betteln musste genehmigt werden
  • Einheimische Bettler wurden bevorzugt
  • Die Zulassung zum Betteln musste anhand von Bettelzeichen nachgewiesen werden (sichtbar getragen)
 
Die Verordnung wurde 1518 erweitert:
  • An den Werktagen durfte kein arbeitsfähiger Bettler betteln. Dies war den nicht arbeitsfähigen vorbehalten.
 
 
Aus der Zeit vor 1500 sind uns nur wenige Bilder von körperlich behinderten Menschen und deren Versorgung mit Hilfsmitteln überliefert. Aber gerade die Qualität dieser Geräte zeigt den sozialen Stand des einzelnen Menschen in der Gesellschaft eindrucksvoll auf. Für uns heute ist es bemerkenswert , dass zwar Sänften und Wagen seit dem Altertum bekannt waren, aber diese Technologie anscheinend nicht für die Behinderten in Form eines Rollstuhls umgesetzt wurden. Im Krankentransport hingegen wurden sie verwendet. Das mag vor allem daran gelegen haben, dass Gesundheit als Lohn Gottes, aber Krankheit oder Behinderung als Strafe Gottes gesehen wurde. Dagegen durfte man sich nicht mit allen Mittel wehren. Behinderung galt als eine Fügung Gottes, daher wird auch klar, dass sich reiche Menschen, nur die konnten sich Bilder bzw Maler leisten, nie "behindert" abbilden lassen würden. Behinderte Menschen werden immer als klein (sie reichen meist höchstens bis zur Taille hoch) und niedrig dargestellt und dienen dadurch zur Verdeutlichung des Klassenunterschiedes zu den reichen Gebern.

Das Beispiel Götz von Berlichingens (um 1508) mit seiner eisernen Hand beweist dagegen die hohe Qualität der Schmiedekunst und Harnischmacherei im Mittelalter. Er konnte sich dieses Unikat auch finanziell und aufgrund seiner gesellschaftlichen Stellung leisten.

Ein weiterer Aspekt der Kulturgeschichte ist sicher der, dass der Stuhl/Sessel eine gesellschaftliche Position symbolisierte. Niederes Volk durfte keine hohe Lehne haben. Damit entfällt ein wesentlicher orthopädischer Effekt beim Rollstuhl. Der andere Punkt ist die eingeschränkte Mobilität durch ungeeignete Straßenverhältnisse. Die meisten Straßen waren unbefestigt, sehr löcherig und von Unrat und Schlamm bedeckt. Bei diesen Verhältnissen waren vier Arm- und Beinstützen (Trippen) die billigsten und effektivsten Hilfsmittel, sich möglichst wenig zu verschmutzen oder nass zu werden. Jede Art von Rollbrett/Rollstuhl würde hier sofort stecken bleiben. Reiche, gehbehinderte Kinder hatten schon damals einen dreirädrigen Laufwagen.



Von der Seite der Versorgung von Körperbehinderungen aus können wir vier Kategorien unterschieden:
 
1. Wagen - Karren (brouette) Ein dreirädrige Karren wurde 1480 abgebildet und wurde vor allem beim Militär zum Transport von Verwundeten verwendet.
2. Trippen - Patschen Aus dem Umfeld von Lucas Cranach um 1509 existiert ein Bild in der Kunstsammlung der Veste Coburg, das einen kriegsversehrten, beidseitig fußamputierten Bettler auf speziellen Trippen darstellt. Beachtenswert ist, dass die Handtrippen kürzer sind als die Fußteile. Der behinderte Mensch wurde so gezwungen, den Kopf demütig niedrig zu halten.
  Ein Bettler (Breughel um 1500) muss eine Querschnittslähmung haben, denn die Stellung der Füße lässt sich anders kaum erklären. Die Patschen an den Füßen sind einfache Holzbretter, um über den Morast auf den Straßen zu rutschen. Eine billigere Lösung ist schlecht vorstellbar.
  Kombination aus Patschen und Krücken.
3. Unterschenkel-"prothesen" - Krücken
Ein Bild aus dem "Feldtbuch der Wundtarzney" von H. v. Gersdorff aus dem Jahr 1607 stellt eine typische Unterschenkelprothese des Mittelalters dar. Der Unterschenkel ist auf einer Schale festgeschnallt. Als Unterstützung dient ein Handstock beziehungsweise eine Gabel bis zur Achselhöhe. Vorläufer dieser Versorgung sind auch schon im hellenistischen Zeitalter bekannt.
Grundsätzlich sind zwei Varianten festzustellen. Bei der abgebildeten Form ist die Kniefunktion vorhanden. Das Laufen mit diesen Stelzen ist jedoch für ungeübte Nutzer ziemlich kompliziert, denn die Stelze knickt leicht 90 Grad gegen die Laufrichtung weg.
Falls die Funktion der Kniebeugung nicht mehr gegeben waren, wurde eine Verlängerung am Oberschenkel nötig. Dadurch ist auch die Laufstabilität erheblich verbessert.
  Der Heiligen Leben: Winterteil, Augsburg, 1475
Die Befestigung am Bein ist hier nicht zu erkennen. Erkennbar ist hier dafür, dass auch hohe Krücken verwendet wurden.
4. Rollstuhl und andere Selbstfahrer
Bisher noch keine Nachweise aus der Zeit des Mittelalters gefunden.
 

Jahrhundertelang am Rande der Gesellschaft ausgegrenzt waren Behinderte auf das Wohlwollen ihrer Angehörigen oder die Mildtätigkeit ihrer Mitmenschen oder kirchlichen Institutionen angewiesen. Vor allem in wohlhabenden Familien lebten Behinderte oftmals in der Hausgemeinschaft. Seit dem 13. Jahrhundert boten die neu entstehenden Spitäler eine Unterkunftsmöglichkeit.

Die Entwicklung der frühen Diakonie hin zum späteren Umgang mit Notleidenden wurde im Mittelalter durch die Almosenlehre Thomas von Aquins (1225- 1274) geprägt:
  • Arme und Behinderte sind notwendiger Teil der sozialen Ordnung
    Arme sind Brüder Christi
    Arm sein ist ein Sakrament
    Arme werden von Reichen unterstützt, jedoch nur zur Befriedigung der Grundbedürfnisse

Unterscheidung, wodurch Armut erzeugt wird:

  • Einerseits durch Krankheit, Unfall, Missernte
  • Andererseits Mönche, Nonnen in freiwilliger Armut, geprägt durch Franz von Assisi (1181 – 1226). In der Praxis war diese Form der Armut mit weit weniger Vorurteilen und Einschränkungen verbunden
Bis zur Reformation kommt es beinahe zu einer Alleinherrschaft des anstaltlichen und der sie tragenden Orden und Genossenschaften. Es entstehen zahlreiche Stiftungen, die zum Teil von den Städten verwaltet werden. Die Fürsorge schloss jedoch nach wie vor zahlreiche Personen aus, zum Beispiel die meisten geistig Behinderten.

1480 schloss sich an das Karmeliterkloster in Frankfurt am Main eine Bruderschaft der Blinden und Lahmen an. Die erste Anstalt für Behinderte (im allgemeinen) in deutschen Landen entstand lange vor allen anderen: 1533 gründete Landgraf Philipp in drei säkularisierten Klöstern und einer Pfarrei in Hessen die "Hohen Hospitäler für Alte, Arme, Gebrechliche, Körperbehinderte und Geisteskranke".

In Frankreich wurde während dessen bereits 1260 die Pariser Blindenanstalt für 300 Personen gestiftet.


Ein blinder Musiker

Der Musiker Konrad Paumann wurde um 1410 als Sohn einer Handwerkerfamilie blind geboren. Sein musikalisches Talent wurde früh erkannt und gefördert: Er erlernte das Spielen verschiedener Instrumente, vor allem der Orgel. Auf ihr brachte er es zu einer Meisterschaft, die ihn weit über Nürnberg hinaus bekannt machte.

1450 warb ihn Herzog Albrecht III von Bayern als Hoforganist an. Diese Stellung behielt er bis zu seinem Tod am 24. Januar 1473. Vorher noch hatte er in Italien wahre Triumphe feiern können, wo er bewundernd als der „cieco miracoloso“, der „wundersame Blinde“ bezeichnet wurde.



Im 12./13. Jahrhundert gab es auch schon eine Anleitung zur Fingersprache, also zum Anfang des Taubstummen-Unterrichtes, diese war allerdings nicht für Taubstumme gemacht, sondern für Klöster, in denen zu Zeiten strengen Stillschweigens beobachtet werden musste. Die Fingersprache selbst kam, nachweislich, schon bei den Römern vor.


Übrigens gab es zum Ende des Mittelalters sehr viele Blinde.
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