Leider ist über dieses Kapitels der Geschichte nicht so viel erhalten bzw. überliefert, aber wir versuchen das Leben der unterschiedlichen "Randgruppen" des Mittelalters hier so gut als möglich darzustellen.

Ein großer Teil des Wirkens der Randgruppen kann "nur" anhand von Gerichtsakten und/oder Vorschriften rekonstruiert werden.

 

Armut und Ächtung als Ursache für Ausgrenzung

Wenn gemeinhin an die Zeit des Mittelalters erinnert wird, ersteht vor unserem geistigen Auge eine Bühne von stolzen Burgen und Kaiserpfalzen, Kathedralen und Klöstern, Märkten und Städten, auf der sich Edle und Ritter, Bischöfe und Mönche, wohlhabende Handwerker und reiche Händler bewegen.

Neunzig Prozent der mittelalterlichen Bevölkerung lebten im landwirtschaftlichen Bereich als meist abhängige Bauern eine bescheidene und ärmliche Existenz fristeten, zum anderen, dass es auf dem Lande, aber vor allem in der Stadt eine Unterschicht gab, die von der Teilnahme am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Leben mehr oder weniger ausgeschlossen und der Diskriminierung preisgegeben war: die sozialen Randgruppen. Die moderne Soziologie versteht unter sozialer Randgruppe die Zusammenfassung von Personen und Personengruppen, die in die Kerngesellschaft aufgrund von Defiziten "des Einkommens, der Bildung, der Sprache, der Wohnverhältnisse etc." nur unvollkommen integriert sind. Die Ursachen der Armut wie des Randgruppendaseins liegen ebenso sehr im individuellen Bereich "Krankheit, Alter, Invalidität" wie in bedeutenden sozialstrukturellen Umwälzungen und in der Dynamik der industriellen Entwicklung, die zu Arbeitslosigkeit, in vielen Fällen auch zu Obdachlosigkeit und anderen Ausgrenzungen aus dem als normal angesehenen sozialen und kulturellen Leben führen."

Randgruppen sind nur in sozialstatistischer Hinsicht als Gruppen zu bezeichnen, "im Sinne einer Zusammenfassung von Individuen mit vergleichbarer Soziallage", denen aber ein gemeinsames gruppenspezifisches Handeln fehlt. Dazu werden u. a. gerechnet: Obdachlose, Nichtsesshafte, Behinderte, Vorbestrafte, Drogenabhängige und Alkoholiker, Insassen psychiatrischer Krankenhäuser, dazu Teilgruppen der Arbeitnehmer, der Rentner, der "arbeitslosen" Jugendlichen und der Sozialhilfeempfänger. Ökonomischmaterielle Defizite sind es dabei vor allem, die zu einer Randgruppenexistenz führen; daneben spielt aber auch das Abweichen von gesellschaftsüblichen Werten und Normen eine wichtige Rolle.

Armut und Ächtung sind also die Hauptursachen für die Ausgrenzung eines Individuums aus der Gesellschaft. Je stärker beide Faktoren ins Gewicht fallen, desto massiver wird das betroffene Individuum ausgegrenzt. Umgekehrt kann geächtetes Verhalten durch materiellen Reichtum zum großen Teil ausgeglichen werden: Man denke nur an einen alkoholabhängigen Medienstar oder einen vorbestraften Millionär. Fehlende Integration in das soziale Leben und Verweigerung von Partizipation in den verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen sind die Hauptmerkmale einer Randgruppenexistenz.

 

Wesentliche Randgruppen im 15. Jahrhundert

Welche Personenkreise führten nun in der mittelalterlichen Gesellschaft eine Randgruppenexistenz. In der Stadt des frühen 15. Jahrhunderts werden als Randgruppen vor allem angeführt: Bettler; Prostituierte, Henker, Schinder, Latrinenleerer; Gaukler und Spielleute. Diese Aufzählung ist zu ergänzen durch unheilbar Kranke, körperlich Missgebildete und geistig Behinderte, ferner durch jene Personen, die als Hexen, Zauberer etc. stigmatisiert und verfolgt wurden. Die Situation der Juden in der mittelalterlichen Stadt stellt einen Sonderfall dar: Diese eigene Gruppe in der Gesellschaft, die Beschränkungen, Ausgrenzungen und zeitweise blutige Verfolgungen zu erleiden hat, ist soziologisch anders zu bestimmen als die hier zu behandelnden Gruppen.

Den meisten dieser Gruppen ist eigen, dass sie gleichzeitig verachtet und gesellschaftlich benötigt wurden; man brauchte sie für die Erledigung unangenehmer Arbeiten, gebrauchte sie für Unterhaltung und Vergnügen und ließ sie doch gleichzeitig eine gesellschaftliche Geringschätzung und Ausgrenzung erfahren. Das soll im Folgenden kurz für die einzelnen Gruppen ausgeführt werden.

Über die Anzahl der Bettler in den Städten des Mittelalters gibt es höchst unterschiedliche Angaben. Man kann aber davon ausgehen, dass ihr Anteil an der städtischen Bevölkerung groß gewesen ist: So soll etwa Straßburg im Jahre 1530 bei 30.000 Einwohnern 23.500 Bettler gehabt haben. Sie galten gleichsam als eigener Berufsstand und waren zum Teil zunftmässig organisiert. Die Haltung der Gesellschaft ihnen gegenüber scheint ambivalent gewesen zu sein: Sie wurden verachtet und verspottet, gehasst und schikaniert, verfolgt und aus der Stadt vertrieben.

 

Wichtige Funktion der Randgruppen

Aber gleichzeitig hatten sie in den Augen ihrer Umwelt eine Existenzberechtigung im göttlichen Weltplan und erfüllten darin eine wichtige Funktion: Sie ermöglichten es den Besitzenden, in Form von Almosen gute Werke zu tun und so für das eigene Seelenheil zu sorgen. Wohlhabende Bürger trugen zum Zeichen ihrer Bereitschaft zu geben eine "Almosentasche" bei sich. Armut galt während des ganzen Mittelalters mehr oder weniger als gottgegeben. Erst im Verlaufe des 15. Jahrhunderts beginnt man, zwischen unfreiwilligen, unverschuldet in Not geratenen Armen und Armen aus Arbeitsscheu zu unterscheiden. Die in Deutschland im 19. Jahrhundert einsetzende Industrialisierung verschiebt die Gewichte in der Beurteilung der Armut dann endgültig auf die negative Seite: Die Diesseitsorientierung entzieht den Armen ihre von Gott verliehene Stellung, Leistungsdenken und Erfolgsdenken verleihen ihnen das Stigma der Arbeitsscheu und der Unfähigkeit, sich auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten. Armut wird jetzt primär als persönliches Versagen und als selbstverschuldet angesehen.

 

Leben am Rand und am Stadtrand

Als Angehörige von unehrlichen Berufen zählten in der mittelalterlichen Stadt der Henker und seine Gehilfen, die Schinder oder Abdecker, die die Tiere abhäuteten und den Gerbern zuarbeiteten, die Latrinenleerer und weitere Berufe, die mit Dreck und Gestank, mit Blut und Tod, mit Abfall und Verwesung zu tun hatten.

Sie existierten nicht nur am Rande der Gesellschaft, die ihre Dienste so sehr benötigte, sondern hatten auch ihre Behausungen am Rande der Stadt, dicht an die Stadtmauern gedrängt und oft vom Abriss bedroht. Wie auch in ähnlichen Fällen heute noch, wurden die unangenehmsten und schwersten Arbeiten am schlechtesten entlohnt und mit sozialer Verachtung gestraft. Zu den "unehrlichen Leuten" in der Stadt gehörten auch die Prostituierten. Die Haltung der mittelalterlichen Gesellschaft ihnen gegenüber ist von einer ähnlichen Ambivalenz geprägt wie die Haltung zur Sexualität überhaupt: Einerseits waren die "Dirnen", "schönen Frauen", "Hübscherinnen" in das städtische Leben ganz unproblematisch integriert. Sie gehören dazu, selbstverständlich und ohne Skrupel. Nicht selten, dass man sie hohen Gästen zur Begrüßung entgegenschickt. Beim Konstanzer Konzil, 1414 bis 1418, sollen 1.500 Dirnen, beim Basler Konzil, 1431, 1.800 Dirnen in der Stadt gewesen sein. Sie waren häufig in eigenen Korporationen organisiert und nahmen oft am öffentlichen Leben der Stadt teil. Andererseits erfuhren sie Verachtung und Ausgrenzung: Sexualität rangiert in der mittelalterlichen Sündenskala an oberster Stelle, einer der deutlichsten Dualismen mittelalterlicher Geistigkeit, bedenkt man die gleichzeitige Ungeniertheit in sexuellen Dingen. Sexuelle Lust und die Wildheit der sexuellen Regung beweisen die Erbsünde.

 

Prinzipien der Ausgrenzung: Von Gauklerei bis Hexenjagd

Von hier aus führt ein direkter Weg hin zur Verfolgung von Frauen als Hexen, auch wenn der Höhepunkt dieser kollektiven Hysterie dann erst im 16. und 17. Jahrhundert zu suchen ist. Im 14. und 15. Jahrhundert waren rund zwei Drittel der der Hexerei beschuldigten Personen Frauen. Wenn man die inquisitorischen Befragungen im 1487 zum ersten Male aufgelegten "Hexenhammer" der beiden Dominikaner Jacob Sprenger und Heinrich Institoris liest, ahnt man, welche Sexualitätsfeindlichkeit, Sexualangst und gleichzeitig verdrängte Begierde in der Hexenverfolgung treibende Kraft war. Doch auch Männer konnten als Hexer oder Zauberer in Verdacht geraten und verfolgt werden.

Zaubereien und Kunststücke der harmlosen Art führten Spielleute, Gaukler, Artisten, kurz: das fahrende Volk, auf Märkten und Stadtplätzen vor. Die Stadtbevölkerung ergötzte sich an ihren Vorführungen, sehnte ihr Kommen herbei, das etwas Abwechslung und Farbe in das Einerlei des Alltags brachte, bejubelte und beklatschte ihre Vorführungen. Gleichzeitig beargwöhnte man ihre nomadische Lebensweise und die vermeintliche oder tatsächliche Lockerheit ihrer Sitten und Gebräuche. Schnell wurden sie als Betrüger, Diebe und Räuber verdächtigt, man legte ihnen Beschränkungen in der Rechtsfähigkeit auf und schloss sie auch teilweise von den kirchlichen Sakramenten aus. Und wartete dann doch wieder auf den nächsten Wochenmarkt oder Jahrmarkt, mit dem ihr Kommen verbunden war. Wie Arme und Bettler, und teilweise ja auch identisch mit diesen Gruppen, waren schließlich auch Kranke, körperlich und geistig Behinderte und psychisch Leidende Opfer sozialer Ausgrenzung. Und auch hier finden wir wieder eine Vermischung unterschiedlicher Haltungen der sozialen Umwelt ihnen gegenüber.

Auf der einen Seite schossen "Spitäler" aus dem Boden, erst als kirchliche Gründungen, dann als Einrichtungen der städtischen Bürgerschaften, die sich der Fürsorge um die Alten und Kranken widmeten und sich auch zum Teil auf die Behandlung bestimmter Seuchen bzw. der Verwahrung der daran Erkrankten spezialisierten, es entstanden Leprosorien, Blatterhäuser und Pesthäuser, fast immer außerhalb der Stadt gelegen, und auch Narrenhäuser und Tollhäuser. An den Kranken konnte man christliche Nächstenliebe und Barmherzigkeit üben und auf diese Weise, wie bei der Unterstützung der Armen, für das eigene Seelenheil sorgen. Gleichzeitig stellten sie aber auch eine gesundheitliche Gefahr dar, so dass sie überwacht, verwahrt und auf Distanz gehalten werden mussten. Zudem galten Krankheit und körperliche Missbildung als äußere Zeichen für Sündhaftigkeit und als Strafe Gottes, der Kranke oder Behinderte galt als von Gott verflucht, vor dem man sich nicht nur aus Gründen der körperlichen, sondern auch der seelischen Gesundheit zu hüten hatte. Also auch hier Ausgrenzung, Distanzierung, Stigmatisierung. All diese Gruppen mussten in der mittelalterlichen Stadt um ihre Existenz kämpfen. Nur wenige schafften den Ausstieg und Aufstieg aus ihrem Randgruppendasein. Die meisten waren schon durch Geburt zur marginalisierten Existenz verurteilt, andere brachte eigenes Verschulden oder unverschuldetes Unglück dorthin. Sie prägten das Bild der mittelalterlichen Stadt genauso wie Geistliche, Handwerker und Händler, auch wenn nicht, wie bei diesen, Kirchen, Bürgerhäuser und Kontore heute noch steinernes Zeugnis von ihrer Existenz ablegen.

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