Sicherlich ist die Überschrift dieser Rubrik ein klein wenig irreführend, aber da sie sich mit dem "Wesen" und "Wirken" einiger bekannter Räuber, den Gerichtsurteilen und Gerichtsprozessen, sowie allen daraus resultieren Folgen beschäftigt, wohl die beste Wahl.

Viele Aufzeichnungen "berühmter" Räuberbanden und Räuberhauptmänner sind zwar erst nach dem Mittelalter entstanden bzw. haben erst in der Neuzeit gelebt, sollen aber dennoch hier aufgeführt sein, da sie Einblick in des Leben der Vogelfreien gewähren. Durch den bereits erwähnten Umstand, dass nur der Klerus und teilweise der Adel des Schreibens mächtig waren fehlen natürlich aus den Randgruppen und dem einfachen Volk Aufzeichnungen über das Leben und Wirken im Mittelalter.

 

"Keine Mauer beschützt die Untat. Strafe dringt dem Frevelnden noch durch Türm' und dreimal fest verschlossene Pforten. Blitze wachen über Verbrechern."

Casimir Sarbiewski

 

Interessant ist sicherlich das Geständnisprotokoll von Hans Ruost, der Anfang Mai 1483 in Schaffhausen hingerichtet wurde. Hier bekommt man einen kleinen Eindruck über die teilweise große Mobilität dieser "Zunft" gibt. Hans Ruost besaß allerdings eine extrem große Mobilität durch halb Europa.:

Hans Ruost stammte aus der niederländischen Stadt Nijmegen. Seine Lehrjahre verbrachte er als Goldschmiedelehrling in Paris. Bereits hier geriet er auf die schiefe Bahn; denn er stahl seinem Meister eine kleinere Geldsumme und lief dann davon. Er setzte nach England über, wo er seinen Lebensunterhalt mit weiteren Diebstählen und Betrügereien verdiente.

Im Auftrage eines Londoner Kaufmannes reiste er schließlich nach Brügge in Flandern; für diesen sollte er verschiedene Geldgeschäfte tätigen. Die dabei eingenommenen Gelder steckte Ruost allerdings in seine eigene Tasche. In Brügge versuchte er sich im betrügerischen Warenhandel; an dem dabei gewonnenen Geld konnte er sich allerdings nicht lange erfreuen, verspielte er es doch schon bald wieder im seeländischen Middelburg. Hier versuchte Ruost sich wenig erfolgreich im Heringshandel mit England.

Weitere Stationen seiner kriminellen Laufbahn führten nach Bergen op Zoom und nach Utrecht. Nach kurzem Aufenthalt in seiner Heimatstadt Nijmegen reiste er nach Venlo weiter, wo er betrügerische Devisengeschäfte tätigte. Über Köln gelangte er nach Strassburg, wo er sich mit einem Kölner Studenten zu einer Falschspielerbande zusammenschloss. Nach einem Streit erstach Ruost den Studenten außerhalb Strassburgs und raubte ihn aus.

Daraufhin gelangte er nach Schaffhausen, wo er sich im November 1482 als Goldschmied vereidigen ließ und eine dort ansässige Frau ehelichte. Nicht lange danach wurde er allerdings als Bigamist entlarvt; denn wie aus seinem Geständnis hervorgeht, hatte er auch noch eine Ehefrau in seiner Heimatstadt Nijmegen. Auch in seinem Goldschmiedehandwerk ließ er sich zu einigen Betrügereien hinreißen, indem er minderwertiges Edelmetall verarbeitete. Schließlich wurde er im Mai 1483 durch Ertränken im Rhein hingerichtet. Im großen und ganzen stellt dieses Itinerar des Hans Ruost eine Ausnahme dar: Nur in den seltensten Fällen bewegten sich Delinquenten in einem so weiten Gebiet; zumeist war der durchwanderte Raum dieser Personen sehr viel kleinräumiger und enger, wobei sich je nach Delinquententypus aber unterschiedliche Migrationsmuster ermitteln lassen: So wanderten etwa Betrüger, welche vorgaben, besondere Künste bzw. spezielle berufliche Fähigkeiten beherrschen zu können, in der Regel über weitere Distanzen. Ihr Wirkungsbereich konzentrierte sich häufig auf grössere und mittelgroße Städte. Ähnliche, vor allem auf Städte bezogene Migrationsmuster weisen die Geständnisse von auf kriminelle Bahnen geratene Handwerksgesellen auf.

Neben dieser eher großräumigen Migration lassen sich in den Quellen aber auch viele Beispiele kleinräumiger Mobilität feststellen, bei denen Delinquenten sich in einem engen Revier nur über wenige Kilometer von einer Ortschaft zur anderen bewegten. Daneben gab es natürlich auch Delinquenten, zumeist Einheimische, die im engen städtischen Gebiet ihr Revier hatten; nicht selten handelte es sich dabei um Handwerker, welche bei Berufskollegen Rohmaterialien stahlen, um diese dann im eigenen Betrieb weiterzuverarbeiten.

Allgemein kann festgestellt werden, dass selbst Delinquenten, welche sich über weitere Distanzen fortbewegten, nur selten die Sprachgrenzen überschritten; weitaus lieber verblieben sie in Gebieten, in welchen ihnen Sprache, Sitten und Gebräuche vertraut waren.

 

Bereits im Mittelalter kam es zur Bildung von Verbrecherbanden. Besonders bekannt ist die aus dem französischen Sprachraum überregional operierende Bande der Coquillards, welche mittels Raub und Mord, Diebstahl und Falschspiel ihren Lebensunterhalt zu verdienen suchte. Der Zusammenschluss von Verbrecherbanden gewann auch im deutschsprachigen Raum eine immer weitere Verbreitung, wobei dies rein fiktiv aufgebauscht werden konnte, wie dies etwa der "Liber Vagotorum" mit der Vorstellung eines kriminellen Vagantenordens oder Bettlerordens. In einem aus dem Ende des 15. oder Anfang des 16. Jahrhunderts stammenden Berner Verhörprotokoll werden zwölf aus dem süddeutschen Raum stammende Männer erwähnt, welche sich in Zürich im sogenannten "Kratz", einem berühmt berüchtigten Aussenseiterquartier der Limmatstadt, versammelten und sich zu einer "rott" zusammenschlossen, um "alle boßheit und boeße stueck anzefangen, morden, stelen, roben, und was gelt bringen moeg".

Im Jahre 1527 fahndete der Berner Rat nach einer Verbrecherbande, welche sowohl in ihrem bernischen wie auch im zürcherischen Herrschaftsterritorium ihr Unwesen trieb; sie gaben sich als Leprakranke aus, waren aber laut Geständnis eines "jungen starcken pettlers", der dieser Bande angehörte, tatsächlich große Diebe, Ketzer und Mörder. Nicht wenige dieser Delinquenten, seien es Bandenmitglieder oder als Einzelgänger operierende Kriminelle, kamen in die Mühlen der Justiz. Am Ende einer Kriminellenkarriere stand nicht selten der Galgen, wie dies auch im Gerichtsurteil des 1508 in Bern hingerichteten Dieb Hans Müller belegt ist " ... das man denselben Hans Mueller dem nachrichter bevelchen, der im sine hend zuo rugk all einem dieb binden und in niden us uff die gwenliche richtstatt fueren unnd in mitt dem strick vom leben zum tod richten und dem lufft bevelchen sol".

 

Die Zeiten der Räuberromantik sind längst vorüber. Die meilenweiten dichten Waldungen sind vielfach dem Spaten anheim gefallen. Es ist deshalb den Räuberbanden kaum noch möglich, im Waldesdickicht sich Höhlen zu bauen und dort ihr Lager aufzuschlagen, noch weniger auf verfallenen Burgen sich zu verschanzen. Andererseits dürfte das Räuberhandwerk kaum noch sehr lohnend sein, da die wenigen Fuhrwerke, die die Chausseen befahren, wertvolle Sachen nur selten mit sich führen dürften.

Noch in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hausten in waldreichen Gegenden große Räuberbanden, die die Landleute und auch städtischen Kaufleute, wenn sie ihre Wareneinkäufe von der Leipziger Messe und Jahrmärkten in ihre Heimat transportierten, ausplünderten. Selbst die Postwagen wurden vielfach geplündert. Die Gendarmerie war diesen Raubzügen gegenüber fast machtlos, da die Räuber gewöhnlich bis an die Zähne bewaffnet und, unter dem Befehl eines "Hauptmanns" und mehrerer anderer Führer, ganz militärisch organisiert waren. Wenn die Raubzüge überhand nahmen und gar Morde verübt waren, da musste gegen die Bande militärische Hilfe in Anspruch genommen werden. Das Militär hatte gewöhnlich mit den Räubern förmliche Schlachten zu liefern, ehe es gelang, die Banden dingfest zu machen. Im Mittelalter sollen die Räuberbanden, teils aus Lust zur Romantik, hauptsächlich wohl aber aus Anlass wirtschaftlicher Not, so zahlreich gewesen sein, daß sie eine fast ständige Landplage bildeten.

Einer der gefürchtetsten Räuberhauptleute war Louis Dominique Cartouche, geboren 1693 zu Paris als Sohn eines Weinschenken. Cartouche soll ein auffallend schöner und höchst intelligenter Mensch gewesen sein. Er soll aber schon als Schulknabe Hang zu allen möglichen Diebereien gehabt haben. Obwohl er infolge seiner seltenen Schönheit und seines geradezu bestrickend liebenswürdigen Wesens überall gerne gesehen war und man allgemein die größte Nachsicht mit ihm übte, waren die Lehrer doch schließlich genötigt, ihn aus der Schule zu weisen, da eine Anzahl nächtlicher schwerer Einbrüche gegen ihn zur Anzeige kamen. Cartouche war der Sohn sehr braver Eltern. Diese fanden sich aber schließlich auch veranlasst, ihr ungeratenes Kind, das ihr Stolz und ihre Freude war, und auf das sie die größten Hoffnungen gesetzt hatten, aus dem Hause zu weisen.

Cartouche begab sich, obwohl noch ein halbes Kind, in die Normandie und schloss sich dort einer Räuberbande an. Sehr bald kehrte er nach Paris zurück und organisierte hier eine Räuberbande, die lange Jahre der Schrecken von Paris und weiter Umgebung war. Cartouche übte, trotz seiner großen Jugend, die unumschränkteste despotische Gewalt über seine Bande aus.

 

Man erzählt folgendes Gaunerstückchen:

Eines Tages begegnete Cartouche einem alten Holzhauer in einem Walde in der Nähe von Paris. Der alte Holzhauer sah ungemein ehrwürdig aus. Cartouche hielt den Alten mit dem Worten: "La bourse ou la vie" die Pistole entgegen. Der Alte versicherte, dass er arm wie eine Kirchenmaus sei. Das glaube ich Ihnen aufs Wort, versetzte Cartouche. Ich werde Ihnen nicht nur nichts tun, sondern Sie im Gegenteil mit Speise und Trank und auch Geld reichlich versehen, wenn Sie sich als Bischof kleiden lassen und alles tun, was ich Ihnen befehle. Ich werde mit Ihnen und einigen meiner Leute nach Paris fahren. Wir werden in einer Equipage vor dem größten Verkaufsmagazin vorfahren und dort auf Ihren Befehl große Einkäufe machen. Sie dürfen kein Wort sprechen, sondern nur auf alle Fragen antworten: "Oui, monsieur". Sobald Sie es wagen sollten, uns durch eine Miene zu verraten, erschieße ich Sie sofort. Der alte Holzhauer versprach, alles zu tun, was Cartouche von ihm verlangt. Der Alte wurde als Bischof gekleidet und ihm ein goldenes Kruzifix umgehangen. Cartouche und einige seiner Leute legten die Kleidung als Geistliche an und fuhren mit einer eleganten Equipage mit dem alten Holzhauer vor dem größten Pariser Verkaufsmagazin vor. Cartouche gab vor: der Bischof wolle, zwecks Ausstattung seines Palais, große Einkäufe machen. Dem Bischof wurde ein Sessel gebracht, und Cartouche suchte die Waren aus. Bei jedem Stück wurde der Bischof um seine Genehmigung ersucht, er antwortete immer: Oui, monsieur. Endlich fragte Cartouche den Bischof, ob er die gekauften Waren ins Palais fahren und aus der bischöflichen Kasse den Kaufpreis entnehmen solle, um sofort alles zu bezahlen. Der Bischof solle im Magazin verweilen, er werde sofort mit dem Gelde in der Equipage zurückkehren. "Oui, monsieur", antwortete, wie immer, "der Bischof". Cartouche ersuchte, die gekauften Gegenstände in die vor der Tür haltende Equipage zu bringen und fuhr mit seinen Leuten davon.

Es verging Stunde auf Stunde, die Geistlichen kehrten nicht zurück. Der Bischof saß noch stumm und regungslos im Sessel, als bereits längst der Abend hereingedämmert war und das Verkaufsmagazin geschlossen werden sollte. Der Inhaber des Magazins fragte den Alten nach der Ursache des so langen Ausbleibens der Geistlichen, er erhielt aber immer nur zur Antwort: "Oui, monsieur". Dem Magazininhaber stiegen schließlich Bedenken auf. Da aus dem alten "Bischof" mehr als "Oui, monsieur" nicht herauszubringen war, so benachrichtigte der Besitzer des Verkaufsmagazins schließlich die Polizei. Letztere stellte fest, dass die angeblichen Geistlichen Cartouche mit einem Teil seiner Bande und der "Bischof" ein armer Holzhauer war.

Die Polizei gab sich jahrelang die erdenklichste Mühe, den kühnen Räuberhauptmann nebst seiner Bande zur Haft zu bringen. Allein Cartouche, von dem ganz Frankreich sprach und für den die Damenwelt, aus Anlass seiner geradezu blendenden Schönheit, schwärmte, zeigte sich auf öffentlichen Plätzen, besuchte die Schauspiele und vornehme Gesellschaften, seine Festnahme gelang aber nicht. Die Raubzüge der Cartouchebande und auch die von der Bande verübten Mordtaten nahmen schließlich derartig überhand, dass das Parlament und auch der französische Kriegsminister die Verhaftung der Bande, insbesondere ihres Hauptmanns, mit vollstem Nachdruck forderten. Es wurde Militär und Gendarmerie in großer Zahl in die Wälder entsandt, es war aber alles vergebens. Endlich, am 6. Oktober 1721, befand sich Cartouche in einer Dorfschenke. Er wurde von einem seiner Vertrauten verraten und konnte infolgedessen festgenommen werden. Sein Prozess wurde vom Parlament vor die Kammer von Tournelle gezogen. Er legte sowohl im Gefängnis als auch in der Gerichtsverhandlung eine eisige Ruhe an den Tag. Er wurde, den damaligen gesetzlichen Bestimmungen entsprechend, auf die Folter gespannt. Er nannte aber trotzdem weder seinen Namen, noch gab er Mitschuldige noch die von ihm begangenen Verbrechen an. Durch ein Parlamentsurteil wurde er zum Tode durch das Rad verurteilt. Als er in Paris auf dem Greveplatz, wo die Hinrichtung erfolgen sollte, nach allen Seiten spähte und nur Henkersknechte und Soldaten, aber keine Genossen zu seiner Befreiung wahrnahm, erklärte er: er wolle nunmehr ein Geständnis machen. Er wurde sofort ins Stadthaus geführt. Dort gestand er alle seine Verbrechen ein und nannte eine sehr große Zahl Mitschuldiger, darunter viele Damen und bekannte Edelleute, die ihn ebenso umschwärmt haben sollen wie die Damenwelt.

Er wurde auf den Richtplatz zurückgeführt und erlitt hier den Tod durch das Rad. Diese Art der Hinrichtung, die in Preußen noch im dritten Jahrzehnt des vorigen Jahrhunderts zur Anwendung kam, soll ungemein grausam gewesen sein. Ein mit eisernen Spitzen Versehens Rad, das mit voller Wucht auf den auf einem Brett festgeschnallten Verbrecher niedersauste, zerbrach diesem einzeln die Knochen. Erst allmählich trat der Tod des Gemarterten ein. Dies mittelalterliche Marterwerkzeug wird seit fast einem Jahrhundert in keinem Kulturstaat mehr angewendet.

Noch während des Prozesses brachten Legrand und Riecobini den noch auf dem Schafott von Schönheit und Anmut strahlenden Räuberhauptmann auf die Bühne. Maler, Kupferstecher und Bänkelsänger wetteiferten, seinen Namen zu verewigen.

Joomla templates by a4joomla