Das finstere Mittelalter (Medizin, Heilkunde) hatte einen massiven Verfall des aus der Antike überlieferten Gesundheitswesens zu beklagen. Medizin war eine Mischung aus überliefertem Wissen, Scharlatanerie, Aberglaube und praktischen Erfahrungen. Und es gab nicht nur Ärzte, sondern ganz verschiedene Berufe, die sich mit der Heilkunde befassten.

 

Quacksalber

Im Volksmund wurde der Begriff des Quacksalbers ursprünglich für Personen benutzt, die ohne einen festen Praxisraum der Heilkunde nachgingen und dafür eine Vergütung verlangten oder erhielten. Heute wird er abwertend für Personen gebraucht, die extrem fragwürdige, nachweislich unwirksame oder sogar schädliche Scheintherapien anwenden, oder Personen, denen dies unterstellt wird. Oft wird auch impliziert, der Quacksalber wisse um die Unwirksamkeit seiner Therapie und betreibe sie nur aus Gewinnsucht oder Gefallsucht.

Der Begriff geht möglicherweise auf die niederländischen Wörter "kwakken", wie eine Ente schnattern, prahlen, und "zalver", Salbenverkäufer, salben, zurück. Als Teil des mittelalterlichen Fahrenden Volkes priesen Quacksalber ihre Dienste in den bereisten Ortschaften an. Ebenfalls möglich ist aber auch die Herkunft des Begriffes vom Quecksilber, da in der frühen Neuzeit Quecksilbersalben und Quecksilberpflaster zum Beispiel als Mittel gegen die Syphilis vertrieben wurden.

Oft wurden und werden Begriffe wie Pfuscher, Kurpfuscher, Scharlatan, Medikaster oder Barfußarzt als gleichlautend gesehen, und damit offensichtliche oder unterstellte betrügerische Absicht und Unwirksamkeit der empfohlenen Methoden teils anders gewichtet. Der Medizinhistoriker wird hier allerdings Unterschiede machen.

 

"Des Quacksalbers Praktik sei so gut,

dass sie allen Siechtum heilen tut...

Solch Narr kann dich in den Abgrund stürzen,

eh du s gemerkt, dein Leben kürzen!"

 

Sebastian Brant

 

Handel mit Angst und Theriak

Es sei noch der Theriakhändler erwähnt. Theriak war ein breiartiges Gemisch aus bis zu 64 Zutaten und mehr. In dieser Heilpaste waren allerlei Absonderlichkeiten zu finden wie gemahlene Knochen, Schlangen, Kröten etc. Da sie von keinerlei Instanz wie Universität oder Zunft kontrolliert wurden, waren sie wohl die schlimmsten Beutelschneider unter den Ärzten. Sie spielten mit der Angst der Menschen und drehten ihnen allerlei Wundermittel an, die jedoch in der Regel allesamt völlig nutzlos (wenn nicht sogar giftig) waren.

 

Medicus

auch Bruch- und Steinschneider (Wundarzt)

Unter all den angeblichen und tatsächlichen Medizinern oder Heilkundigen war der Medicus wohl der mit der meisten Anerkennung. Der Medicus war der Studierte unter den Medizinern. Zumeist bezog er sein Wissen von einer Ausbildung an einer Universität. Unterrichtet wurde dort mit den Überresten des aus der Antike überlieferten theoretischen Wissens. Jedoch fehlte dem Medicus zumeist das entsprechende Praxiswissen.

Hinzu kam, dass eine anatomische Ausbildung meist nur mit Hilfe von schematischen Ansichten vermittelt wurde, und nicht durch Sezieren von Körpern. Denn durch einen Erlass von Papst Bonifatius VIII. war das Zerstückeln von Leichen strengstens verboten. Wer gegen dieses Verbot verstieß, dem wurde mit Exkommunikation gedroht. Im Mittelalter eine furchtbare Strafe, glaubte man doch noch an die Allmacht Gottes und der Kirche – und der Exkommunizierte war der ewigen Verdammnis gewiss und musste für immer in der Hölle schmoren, so war die allgemein akzeptierte Ansicht.

Medizinstudenten traten im Alter von etwa 14 Jahren in die Fakultät ein. Nach 2 Jahren Unterricht in Logik, Philosophie und Rhetorik folgten 2 Jahre Befassung mit Arithmetik, Astronomie und Geometrie. Daran anschließend begann das medizinische Studium. Weitere 2 bis 3 Jahre brauchte es, die Würde eines Baccalaureus zu erwerben, um dann Arzneimittellehre zu belegen und mit der praktischen Behandlung von Krankheiten zu beginnen. Nach weiteren 2 Jahren erlangte er nach Ablegung eines Examens sein Lizensiat. Zur Erlangung der Magisterwürde (Doktor) war noch eine feierliche Disputation zu überstehen. Die Zulassung zur Prüfung erfolgte jedoch nur, wenn eheliche Geburt, unbescholtener Lebenswandel und ein gesunder Körperbau nachgewiesen werden konnten. Bei Bedarf musste der junge Doktor Studenten kostenlos unterrichten und konnte nach einjähriger Gehilfenzeit bei einem anderen Arzt eine eigene Praxis eröffnen.

Einfache Bürger konnten die in Gebührenordnungen festgelegten Honorare kaum bezahlen. Um 1700 kostete ein Hausbesuch etwa 5 Wochenlöhne einer Köchin oder 6 Wochenlöhne einer Magd. So hofften die Absolventen auf eine Anstellung als Lehrer einer Hochschule, als Leibarzt eines Fürsten oder als Physicus (Stadtarzt).

 

Bader

Badehäuser und Badestuben wurden vom sogenannten Bader betrieben und fanden sich in jedem größeren Ort. Anders als der Name vermuten lässt, kümmerte er sich nicht nur um heilende Bäder und so manche Hygienefrage, sondern auch um die Tätigkeiten im Bereich Medizin und Chirurgie. Die Bader besaßen zwar nicht das studierte Wissen eines Medicus, hatten jedoch in der Regel viel mehr Praxiserfahrung und wurde von den Medici nicht selten gegen Bezahlung in Dienst genommen. Sie verrichteten dann das blutige Handwerk, sprich, sie nahmen Operationen vor in denen sie sich auch weitaus besser auskannten als die studierten Ärzte.

Ein Bader musste, bevor er seinen Titel erhielt, mindestens drei Jahre bei einem Badermeister in Lehre gehen. Diesen Jahren folgten dann weitere Wanderjahre. Erst danach hatte der angehende Bader die Möglichkeit, eine von der Zunft vorgeschriebene Prüfung abzulegen. Bestand er die Prüfung, erhielt er nicht nur das Recht, sich Bader zu nennen, sondern auch das Recht, in einer eigenen Praxis zu arbeiten. Denn zu seinem Wissen gehörte nicht nur das Wissen über Anatomie, sondern Bader kannten sich auch mit Massagen aus. Besonders die weniger gut begüterten Menschen suchten bei Krankheit lieber einen Bader, statt des amtlich anerkannten Arztes auf. Aufgrund ihrer schwer definierbaren Tätigkeit, hatten es Bader vielerorts nicht leicht, eine Zunft bilden zu können.

 

Scherer

Sozial unter dem Bader stand der Scherer. In der Regel hatte er eine Ausbildung bei einem Bader gemacht, jedoch die anschließende Prüfung aus irgendeinem Grunde nicht bestanden. Oft genug jedoch verfügte auch der Scherer über ein hervorragendes und umfassendes Praxiswissen in Anatomie und Wundheilkunde.

Sie fanden oft problemlos eine Anstellung bei Badern, jedoch waren ihre Dienste auch beim Militär gerne gesehen. Eine vernünftige Versorgung der Soldaten auf dem Felde war bei den barbarischen Kampfmethoden sehr hilfreich. Aus diesem Grund nannte man ihn auch den Feldscherer. Der Feldscherer hatte neben seinem medizinischen Werkzeug zusätzlich Waffen als Ausrüstung. Nicht nur, um sein eigenes Leben zu schützen, sondern auch, um im Notfall mitkämpfen zu können.

Die Scherer verdrängten im Laufe der Zeit immer mehr die Bader und gründeten eine eigene Zunft. Sie organisierten sich, nahmen Gesellen auf und legten sogar Aufnahmeprüfungen fest. Im Laufe der Zeit avancierten sie immer mehr zu Stadt- und Spitalärzten. Dort jedoch übten sie ihre Tätigkeit jedoch oft unter Aufsicht eines gelehrten Arztes aus.

 

Apotheker

Im Laufe des Mittelalters hatte sich die Medikamentenkunde, von der Medizin getrennt (14. Jahrhundert) und sich zum unabhängigen Berufsstand herausgebildet. Der Apothekerstand hatte mehrere Entwicklungslinien. Eine davon führte aus der seit alters her bekannt mehr kaufmännisch-handwerklichen Tätigkeiten Drogensammler und Drogenhändler, die neben dem Ankauf und Verkauf, Zubereitung, vorrätig halten und Verkauf von Gewürzen mit arzneilich wirksamen Drogen, Kräuter, Wurzeln, Rinden, Samen handelten. So bildete sich auch auf diesem Wege der Stand der Apotheker, der Confectionarii (Zubereiter) aus, wobei Arzt und Apotheker keine gemeinsame Sache machen durften, und Rezepte nur nach ärztlicher Vorschrift anzufertigen waren. Dass sich vor allem im Mittelmeerraum, in Italien und Südfrankreich, zuerst der Apothekerstand ausbildete, ist leicht zu erklären, da der gesamte Drogenhandel mit dem Orient über Venedig, Genua und Marseille lief. Seit 1530 stellten die Universitäten in Padua und Bologna als erste Hochschulen der Arzneikunde eigene Lehrstühle zur Verfügung. Um 1540 richteten Padua und Pisa die ersten universitätseigenen Botanischen Gärten ein, und seit 1536 war es in Paris für Apothekerlehrlinge obligatorisch, wöchentlich zwei Vorlesungen in der medizinischen Fakultät zu hören. Die Apotheker im Spätmittelalter verkauften jedoch nicht nur Arzneien. Auch teure Gewürze, das kostbare Papier, exotische Weine und andere Luxusgüter und das beliebte Konfekt konnten hier erstanden werden. Trotzdem war es schwer, als Apotheker vermögend zu werden. Denn die Konkurrenz in Form von fliegenden Händlern, Wunderdoktoren, Theriakkrämern, Kräutersammlern, Wurzelgräbern und Spezereienhändlern war groß.

 

Die Frau in der Medizin

Doch auch Frauen gab es in der Medizin. Die Kräuterfrauen und Hebammen taten seit jeher ihren Dienst. Jedoch nicht oder nur selten am Manne. Die Hebammen hatten selbstverständlich ein besseres Wissen über die weibliche Anatomie als die meisten Männer. Sie nahmen sogar Kaiserschnitte vor. Diese jedoch nur im äußersten Notfall, denn sie verliefen meist tödlich für die Mutter, Blutverlust und Wundfieber waren kaum zu behandeln.

Die Kräuterfrau erhielt ihr Wissen durch die Überlieferung innerhalb der Familie. Kenntnisse wurden von der Mutter an die Tochter weitergegeben. So entstanden im Laufe der Zeit Familienrezepte und –geheimnisse, die den entsprechenden Personen bald den Ruf einbrachten, Magie einzusetzen oder gar mit finsteren Mächten im Bunde zu sein. Die männlichen Ärzte, die selbst im „Geburtenbereich“ tätig sein wollten, um dort Unmengen an Geld zu verdienen, sahen diese Frauen als Konkurrenz an. Massive Ausschreitungen bei den Hexenverfolgungen gehen also nicht zuletzt auch auf die Ärzte zurück.

 

Hebamme

auch Wehemutter, Weißfrau

Der deutsche Begriff "Hebamme" kommt vom germanischen "hevianna" = "die Hebende" (Zusammengesetzt aus "ana" als Großmutter/Ahnin und "heben"). Nach den alten germanischen Ritualen hob die Hebamme nach der Geburt das Kind vom Boden auf und präsentierte es dem Vater, der das Kind akzeptierte, wenn er es entgegennahm. Synonyme waren auch geneserin, hebemuoter, bademuoter oder bademome (wegen des von ihnen verabfolgten ersten Kindsbades geläufig; lateinisch obstetrix). Hebammen heißen im angelsächsischen Raum "mid-wife", was soviel bedeutet wie "Frau die mitgeht" (durch die schwere Stunde der Frau). Im französischen heißt es "Sage-femme", also "weise Frau".

Über die Geburtshilfe in der Frühzeit weiß man wenig, aber bei vielen Naturvölkern findet man Beispiele für einfaches geburtshilfliches Handeln. Felsmalereien und Statuetten aus frühen Zeiten stellen die Geburt dar. Die Hebamme wird bereits im Talmud um 5700 vor Christus zum ersten Mal schriftlich erwähnt. Auch im alten Rom genossen die Hebammen hohes Ansehen. Sie hatten Kenntnisse in Pharmazie und Chirurgie.

Durch den Zerfall des Römischen Reiches im frühen Mittelalter ging dieses Wissen jedoch größtenteils verloren. Im allgemeinen ging die Geburtshilfe im Mittelalter in die Hände ungelernter Frauen über. Nicht zuletzt aufgrund religiöser Vorurteile und Verbote wandten sich Frauen bei geschlechtsspezifischen Gesundheitsproblemen lieber an Heilkundige gleichen Geschlechts als an Ärzte. Die Zusammenarbeit von studierten "Buchärzten" und Hebammen war dabei in Fällen von Komplikationen durchaus üblich.

Hebammen erlernten ihr Gewerbe als Lehrmägde bei versierten Standesvertreterinnen. Sie sollten ehrsamer Herkunft und verheiratet oder verwitwet sein ("man sol zu dem ambt keine nehmen, die nit zuvor im Ehstand gelebt und zum oftermahl selber an ihr erfahrn hatt, was kinder haben und geboren erfordert"). Städtische Verordnungen forderten bestimmte charakterliche Eigenschaften der Bewerberinnen, legten deren Pflichten bei der Versorgung Schwangerer fest und machten die Ablegung einer Prüfung vor dem Stadtarzt und erfahrenen Lehrhebammen zur Pflicht. (Derartige Hebammenordnungen entstanden im 15. Jahrhundert unter anderem in Regensburg, Heilbronn, Nürnberg und Konstanz. In manchen Städten war ein "Hebammeneid" üblich, in dem die Aufgaben und Pflichten der Hebammen zusammengefasst waren.)

Zum Repertoire einer Hebamme gehörten Feststellung der Schwangerschaft, gesundheitliche Fürsorge für die werdende Mutter, Hilfe bei normalen und bei komplizierten Geburten bis zu Extremfällen wie Embryotomie oder Schnittentbindung, Spendung der Nottaufe bei einem Ungeborenen, Versorgung der Wöchnerin, Neugeborenenpflege und Kenntnis einschlägiger Arzneimittel und Werkzeuge. Der handwerklichen Geschicklichkeit vieler Hebammen standen zeitbedingt unhygienische Arbeitsweise und abergläubische Praktiken gegenüber. Hebammen arbeiteten überwiegend auf eigene Rechnung, sie lebten von Zuwendungen der Kindsväter und von Geschenken. In manchen Städten sorgte der Magistrat durch feste Anstellung für eine ausreichende Versorgung; so erhielt z.B. anno 1381 in Nürnberg eine vereidigte Hebamme vierteljährlich einen Gulden. Dazu konnten Steuerbefreiungen und andere Privilegien kommen (etwa ein Brennholz-Deputat oder die Befreiung des Ehemanns vom Wachdienst). Damit sollte einerseits einer Abwanderung der Geburtshelferinnen vorgebeugt werden, zum anderen sollte sichergestellt werden, dass Frauen aller sozialen Schichten gleich behandelt würden.

Oft wurden die Hebammen ausdrücklich ihrer medizinischen und geburtshilflichen Fähigkeiten wegen angeklagt. Die katholische Kirche warf den weisen Frauen vor, allzu wissenschaftlich zu arbeiten und sich zu wenig auf Gott und seine natürlichen Gebote zu verlassen. Trotzdem hatten sie die Auflage, bei Kindern die Nottaufe durchzuführen.
Das erste deutsche geburtshilfliche Werk, das sich an Frauen richtete, die des Lesens kundig waren, erschien 1513.

Viele Hebammen wurden im Spätmittelalter als Hexenhebammen verfolgt, abgeurteilt und verbrannt. Der Grund dürften von ihnen angewandte zauberische Mittel sowie ihr Umgang mit echten oder vermeintlichen Kontrazeptiva gewesen sein – Empfängnisverhütung galt doch der Kirche von jeher als Todsünde und war zumal in Zeiten, da Bevölkerungszuwachs angestrebt wurde, auch den weltlichen Herrschern ein Ärgernis.

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