Die Pocken sind eine Viruserkrankung, die durch Vertreter der Familie Poxviridae hervorgerufen wird. Es handelt sich dabei um ein Orthopoxvirus, die größte tierische Virusart, das 200 bis 400 Nanometer groß ist. Pockenviren sind relativ resistent gegen Wärmeinaktivierung. Weil die Viren sich mit dem Blut im Körper verbreiten, spricht man von einer zyklischen Krankheit. Pockenviren vermehren sich nur in menschlichen oder tierischen Zellen. Die Vermehrung führt zur Schädigung bis zur Zerstörung der Wirtszelle.

 

Die Vermehrung läuft in fünf Phasen ab:

In der 1. Phase, der Adsorption, bindet das Virus an die Oberfläche der Zelle nach dem Schlüsselschlossprinzip.

Die 2. Phase wird Injektion genannt, wobei die DNS in die Zelle eingeschleust wird. Danach wird das Virus in der Zelle tätig. Während der Latenzphase wird der Stoffwechsel der Wirtszelle umgestellt und das Zellchromosom umgebaut. Es werden einzelne Virusbestandteile produziert, die während der Reifungsphase zusammengebracht werden.

Schließlich platzt die Wirtszelle in der 5. Phase "Freisetzung" auf und die Viren werden freigesetzt.

 

Von den Pocken gibt es zahlreiche Typen, Varianten, Mutanten und unterschiedliche Stämme, wie zum Beispiel Menschenpockenviren, Vacciniavirusstämme, Affenpockenvirus Geflügelpockenvirus oder Vogelpockenviren, Kaninchenpocken, Pferdepocken, Eselpocken, Mauleselpocken, Mäusepockenvirus, Schafpocken, Schweinepocken und Ziegenpocken. Aber trotz der Unterschiede im klinischen Ablauf der einzelnen Pockenarten, haben sie doch gemeinsame morphologische, biologische und chemischphysikalische Eigenschaften. Besonders das Variolavirus und das Vacciniavirus stimmen in vieler Hinsicht überein, so haben sie zum Beispiel eine immunologische Verwandtschaft, was auch die Möglichkeit der Pockenschutzimpfung erklärt.

Beim Menschen gibt es zwei Arten von Pockenerkrankungen. Variola major hat eine Letalität von 20 bis 50 Prozent und wird durch das Variolavirus hervorgerufen, Variola minor hat eine Letalität von 1 bis 5 Prozent und wird durch Alastrimvirus erzeugt.

 

Die Pocken sind eine uralte Krankheit, so alt, dass die Anfänge ihrer Geschichte im Dunkel liegen. Aus alten Schriften weiß man, dass die Krankheit schon 1122 vor Christus in China bekannt war und ein chinesisches Sprichwort besagt, dass nur derjenige richtig geboren ist, der die Pocken überlebt hat. In Indien gibt es schon seit 1500 vor Christus Pockengöttinnen. Eine dieser Pockengöttinnen heißt Mariyamman. Die Inder glaubten, dass der, der erkrankt war, von der Göttin besucht wurde. Der Patient bekam kühlende Margosablätter auf den Körper gelegt und man hängte auch ein paar Blätter an die Tür, um der Göttin zu zeigen, dass das Haus von den Pocken befallen war. Der Kranke musste "heiße" Tätigkeiten, wie zum Beispiel frittieren oder sexuelle Verbindungen vermeiden, weil er sonst den Zorn der Göttin heraufbeschwor.. Die Narben, die der Patient oder die Patientin davontrug, galten in Indien nicht als Schönheitsfehler, sondern waren etwas Besonderes und verliehen der Person noch eine gewisse Schönheit, denn die Narben waren ein Zeichen dafür, dass der Patient von der Pockenschutzgöttin ausersehen war. Stellte sich aber heraus, dass der Patient schwerere Schäden wie Erblindung oder Taubheit davontrug, war er geächtet, weil klar war, dass er die oben genannten "heißen" Tätigkeiten nicht gemieden hatte.

Nach Europa kamen die Pocken wahrscheinlich 165 nach Christus mit dem Einzug der siegreichen römischen Legionen nach der Einnahme der parthischen Stadt Seleukia-Ktesiphon im heutigen Irak. Die Pocken breiteten sich rasch bis zur Donau und zum Rhein hin aus. Die Folge war ein Massensterben über 24 Jahre hin, das als Antoninische Pest in die Geschichte eingegangen ist. Die Sarazenen brachten die Pocken anscheinend im 711 nach Christus nach Spanien. Man vermutet, dass die Pocken dann auch von Arabien aus Europa überfluteten. Der Name „variola“ soll der Krankheit von dem Arzt und Übersetzer Constantinus Africanus gegeben worden sein. Der Name Variola (von Lateinisch varius = bunt, scheckig, fleckig) wurde von Bischof Marius von Avenches (heute Schweiz) um 571 nach Christus geprägt.

Die Kreuzritter des 11. - 13. Jahrhunderts trugen zu ihrer Verbreitung wesentlich bei. Seit dem 15.-16. Jahrhundert waren die Pocken weltweit verbreitet.Über 10 % der Kinder starben vor dem 10. Lebensjahr an Pocken. Der Name „Pocken“ kommt zum ersten Mal in einer angelsächsischen Handschrift aus dem 9. Jahrhundert am Ende eines Gebetes vor: „geskyldath me wih de lathan Poccas and with ealleyfeln. Amen“ (beschützt mich vor den scheußlichen Pocken und allem Übel. Amen). Das Wort Pocken kommt aus dem Germanischen und bedeutet Beutel, Tasche, Blase (= Blatter) und ist mit den englischen pocket/pox/pocks und dem französischen poche verwandt. Seuchengeschichtlich gesehen war das 18. Jahrhundert dasjenige der Pocken.

Die Pocken waren die längste Zeit eine typische Kinderkrankheit, einfach aus dem Grund, weil ein Großteil der Menschen sie bereits als Kind bekam. Erwachsene, die die Pocken noch nicht durchgemacht hatten, waren allerdings keineswegs sicher vor ihnen. Bis weit ins 19. Jahrhundert hinein traten die Pocken in allen Ständen und Schichten auf. Auch vor großen Herrschern machten sie nicht halt. Die englische Königin Anne schenkte elf Kindern das Leben. kein einziges überlebte. Auch der habsburgische Kaiser Leopold I verlor zwischen 1662 und 1663 während einer Pockenepidemie zwei Sprösslinge. 1768, im Alter von 50 Jahren, erlitt die österreichische Kaiserin Maria Theresia noch eine Pockenerkrankung. Für ihre Genesung wurde eigens eine Gedenkmedaille geprägt.

Ähnlich wie heute das Gespräch über Aids in aller Munde ist, wurden im 18. Jahrhundert die Pocken in vorher unbekannter Weise als Problem wahrgenommen. Unzählige Schriften von Ärzten, die sich an die Wissenschaft, die gebildete Bevölkerung oder den „Landmann" wandten, debattierten die Ursachen der damals so genannten „Pockennoth" und gaben Ratschläge zu ihrer Verhütung oder dem besten Verhalten bei einer Erkrankung. Diese Aufmerksamkeit gegenüber der Krankheit lag nicht zuletzt auch daran, dass sie nun schlimmer denn je grassierte. Sie herrschte endemisch, das heißt irgendwo im Land wütete sie immer. Sie brach in beinahe regelmäßigen Intervallen von vier bis sieben Jahren, das heißt wenn genügend ansteckungsfähige Kinder nachgewachsen waren, epidemieartig aus und infizierte einen großen Teil der Bevölkerung, welcher die Krankheit noch nicht durchgemacht hatte. Das waren meist die nachgeborenen oder beim letzten Mal verschonten Kinder. Die Seuche kam, brachte die Kinder um oder bewahrte sie für die Zukunft vor nochmaliger Ansteckung. Die Pocken hatten damit auch einen erheblichen Anteil an der ohnehin großen Kinder- und Säuglingssterblichkeit dieser Zeit. Sie waren eine der häufigsten, wenn nicht die häufigste Todesursache der Kinder.

Hauptsorge der Eltern war es weniger, die Kinder vor einer Erkrankung zu schützen, als sie gut „durch die Pocken" zu bringen. Diese Krankheit war damit keine plötzliche und unerwartete Katastrophe wie etwa die Cholera und zum Teil die Pest, sondern eine relativ erwartbare Bedrohung. Aus diesem Grund wurde sie viel mehr noch als die anderen Seuchen zum Bestandteil des individuellen oder kollektiven Alltagslebens der Familien. „Es ist nur ein Pockenkind", sagte man dem Hallenser Medizinprofessor Juncker, als er sich in dieser Zeit bei einer Beerdigung über die Teilnahmslosigkeit der Trauergemeinde wunderte.

 

Die ersten, sehr genauen Beschreibungen der Krankheitserscheinungen fand man in Schriften um 900 nach Christus von einem Arzt namens Ibn Zakarja Razi, der von Arabien stammte. Von dort kommt auch die Pockenkrankheit, deren wichtigster Träger der Infektion der Mensch ist. Epidemiologisch gesehen gibt es zwei Übertragungsmöglichkeiten: die direkte Infektion von Mensch zu Mensch (durch Tröpfcheninfektion beim Husten), die keinen Zwischenwirt oder Überträger braucht, und den Übertragungsweg von Krankheiten, die zuerst an ein Tier und von diesem Träger dann zufällig an den Mensch weitergegeben werden. Neben diesem wichtigsten Infektionsmodus gibt es noch die Möglichkeit durch eine Inhalation von Staub an den Pocken zu erkranken. Die Pocken sind auch deshalb so ansteckend, weil Pusteleiter an Kleidern und Bettzeug monatelang infektiös bleiben kann.

 

Krankheitsverlauf

Das Virus gelangt durch die Nase und Mund in die Lunge, dringt dort durch das Gewebe in die nahe gelegenen Lymphknoten ein, um sich dort zu vermehren. Der Krankheitsverlauf von Variola major beginnt mit einem 10 bis 15 tägigen Inkubationsstadium. Danach treten im Initialstadium die ersten Krankheitserscheinungen auf. Die Krankheit beginnt mit plötzlichem hohem Fieber, Übelkeit, Erbrechen, Nasenbluten, sowie katarrhalischen Erscheinungen, wie Schnupfen oder Husten. Am zweiten Tag tritt dann meistens ein Initialexanthem auf und nach neuerlichem treppenförmigem Temperaturanstieg setzt das Eruptionsstadium ein. Es entstehen erste Pockeneffloreszenzen im Gesicht, am Kopf, an den oberen Extremitäten und zuletzt an Unterschenkeln, Füßen und dem Rumpf. Die örtliche Verteilung des Pockenexanthems folgt einer Gesetzmäßigkeit. Es gibt Körperstellen, die nie befallen werden, wie zum Beispiel das Schenkeldreieck, und Regionen, die immer befallen werden, wie zum Beispiel der Kopf. Handinnenflächen und Fußsohlen, das Nagelbett sowie die Schleimhäute der Atemwege und Genitalorgane sind befallen. Die Hautentzündungen bereiten spannende Schmerzen und beim Abheilen der Pusteln Juckreiz. Der Erkrankte stinkt entsetzlich auf dem Höhepunkt der Infektion, denn die klarflüssige, Viren enthaltende Flüssigkeit in den Pusteln wird durch eintretende tote Leukozyten milchig, bis schließlich alle Effloreszenzen mit Eiter gefüllt sind. Man unterscheidet zwischen einer Variola abortiva, discreta, semiconfluens und confluens, die die Dichte des Pustelausschlags und die Schwere des Verlaufs kennzeichnen.

Die Pusteln werden zu Krusten und Schorfen, die nach dem Abfallen tiefe und hässliche Narben hinterlassen. Auf weißer Haut ist das Narbenfeld deutlich gerötet, auf schwarzer Haut erscheinen die Narben wie eine weiße Pigmentierung der Haut. Verläuft die Krankheit sehr schwer, dann sind oft Folgeschäden zu erwarten. Es können Augenschäden bis zur Erblindung auftreten, Taubheit, Lähmungen und Hirnschäden. Im schlimmsten Fall muss der Patient mit dem Tode rechnen.

Auch andere Komplikationen und Begleitkrankheiten sind nicht selten. So kann der Patient zusätzlich zu den Pocken noch Hauteiterungen und Schleimhauteiterungen und Augenaffektionen durch bakterielle Superinfektionen bekommen. Möglich sind auch noch Erkrankungen an Osteomyelitis, einer Knochenmarksentzündung, mit der meist eine Knochenentzündung einhergeht, an Bronchpneumonie, einer Entzündung, die von den Broncholen auf die peribronchalen Alveolen übergreift, und an Enzephalomyelitis, einer Entzündung von Gehirn und Rückenmark.

Vom typischen Krankheitsverlauf gibt es Abweichungen, so zum Beispiel bei den hämorrhagischen Pocken, auch "schwarze Blattern" genannt, die immer innerhalb von 48 Stunden nach einsetzen der Hämorrhagien tödlich verlaufen. Es sind aber auch mildere Formen der Pocken bekannt. Das Alastrimvirus ruft eine gutartige Erkrankung mit pockenartigem Ausschlag hervor, der rasch und narbenlos wieder abheilt. Bei Variola minor ist die Sterberate niedriger und auch die Folgeerscheinungen sind nicht vorhanden.

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