Ein paar Zeilen nur im Kirchenbuch: "Weil die Pestilenzische Seuche von Tag zu Tage zugenommen, die Verstorbenen auch ohne Ceremonien begraben worden und man also nicht eigentlich wissen könne, wer des tages gestorben, als ist die Zahl von eine Monat zum anderen Summiret, und also durch den ganzen Juli 73 begraben worden. Im August sind 146 begraben worden, Sept. 138, Oktober 53, Novembr 9, December 1. Summa außer der Contagion 10 Personen. In der Contagion 427 und also insgesamt 437."

So steht es geschrieben im Kirchenbuch Schloßvippach, Band I, Seite 203, Jahr 1683. Die Hälfte der Dorfbevölkerung starb in wenigen Monaten, niemand schrieb die Namen der Gestorbenen auf, man zählte nur mehr die Toten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Orten und Regionen, die besonders im Dreißigjährigen Krieg unter Pestepidemien leiden, ist es in Erfurt und Umgebung das Jahr 1683, das als schlimmstes Pestjahr in die Geschichte eingeht. Nicht nur in den Dörfern sterben die Menschen reihenweise, so dass die Kirchenbücher nicht mehr ordentlich geführt werden können. Allein in Erfurt starben 1683 8.792 Menschen, etwa 53 Prozent der Gesamtbevölkerung, an der Pest. Dazu kamen noch einmal 647, die an anderen Krankheiten verstarben. In vielen Kirchen fand monatelang kein Gottesdienst statt. Auch in der Stadt Erfurt überlebten nur zwei Pfarrer die Pest. Im Erzgebirge war das Jahr 1633 das schlimmste Pestjahr. So stirbt die Hälfte der zwickauer Bevölkerung 1633 an der Pest.

 

Der Krankheitserreger, ein Bakterium, und seine Übertragung

Der Erreger der Pest ist das gramnegative, plumpe Bakterium Yersinia pestis, das keine Sporen besitzt und stäbchenförmig ist. Stoffwechselphysiologisch ist es den darmbewohnenden Bakterien "Enterobacteriaceae" nahe stehend, und seine Größe beträgt nicht mehr als zwei Mikrometer. Das natürliche Reservoir von Yersinia pestis sind Nagetiere. Das Bakterium kann auch unter weniger günstigen Bedingungen sehr lange überleben. Vor Austrocknung geschützt, bleibt es im Erdboden, in Sputum, Kot oder in Tierkadavern monatelang vermehrungsfähig und virulent. Im Wasser bleibt Yersinia pestis tagelang und wochenlang erhalten, in Staub und Erdreich monatelang. Deshalb sagte man dem Erreger in der Vergangenheit auch nach, dass er "an Gebäuden hafte."

Die Übertragung des Erregers erfolgt über Flöhe auf Ratten und Menschen. Die Anhänger der alten Theorie halten den Rattenfloh Xenopsylla cheopis für den wichtigsten Überträger. Es handelt sich dabei um ein Insekt von 2 bis 3 Millimetern Länge, das als Schmarotzer im Fell der Ratte lebt. Er springt das hundertfache seiner Körperlänge und kann mehrere Monate ohne Nahrung überleben. Außerdem kommt er als Überträger in die engere Auswahl, weil er, im Gegensatz zu anderen Floharten und Nagetieren, einen Vormagen besitzt. Der Rattenfloh saugt nämlich Erreger in hoher Konzentration in seinen Vormagen. Diese verklumpen dort und verstopfen denselben. 

Dadurch verspürt der Floh noch immer Hunger und sticht erneut, diesmal vielleicht ein anderes Opfer. Trotzdem sind die Flöhe nicht die einzigen Pestüberträger, denn es gibt eine Reihe von weiteren Faktoren. Auf einer Vielzahl von Insekten hat man Pesterreger gefunden, und auch unsere geliebten Haustiere können als Überträger in Frage kommen, denn sie tragen die Bakterien im Fell ohne selbst an der Seuche zu erkranken. Außerdem sind die Erreger auch in Tierkot, Staub und Schmutz zu finden, alles Faktoren, die die Ausbreitung besonders in einer unhygienischen Zeit wie dem Mittelalter begünstigten.

Doch wie kommen die Erreger vom Rattenfloh auf den Menschen. Der Floh mag das Blut der Ratten besonders, in extremen Notzeiten begnügt er sich aber auch mit Menschenblut. Genau so eine "Notzeit" tritt ein, wenn viele Ratten an der Pest erkrankt sind, denn genauso wie bei den Menschen, sterben auch die Ratten nach einigen Tagen an den gleichen Symptomen. Da Flöhe aber sehr empfindlich auf kalte Temperaturen reagieren, sind sie gezwungen, den toten und kalten Rattenkörper zu verlassen und sich ein nächstes Opfer zu suchen. Da schon fast alle Ratten an der Pest gestorben sind, befällt der Floh den Menschen. Ein indisches Sprichwort erklärt diese Übertragungskette treffend mit den Worten: "Wenn die Ratten zu fallen beginnen, ist es Zeit, das Haus zu verlassen."

Ist die Seuche erst einmal beim Menschen angelangt, sind keine Flöhe mehr nötig, um für eine starke Verbreitung der Erreger zu sorgen, denn die Menschen stecken sich gegenseitig durch vielerlei Möglichkeiten an. Sehr häufig ist die Ansteckung über natürliche Eintrittspforten, zum Beispiel durch Wunden oder Läsionen im Mund- und Rachenraum, durch Verletzungen in der äußeren Haut, durch fäkale oder orale Übertragung, wenn ein Kranker die Erreger in großen Mengen ausscheidet und sie in die Nahrung oder ins Trinkwasser eines anderen gelangen.

Bei der Lungenpest kann die Krankheit auch durch die sogenannte aerogene Übertragung, auf dem Luftweg, weitergegeben werden, wenn der Kranke durch Sprechtröpfchen die Erreger verbreitet. Bei so vielen Übertragungsmöglichkeiten kann man sich leicht vorstellen, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis fast jeder dritte Bewohner einer mittelalterlichen Stadt an der Pest erkrankte.

 

Beulenpest und Lungenpest

Die Ratten und der Mensch weisen den gleichen Krankheitsverlauf auf. Das Bakterium dringt durch Hautverletzungen oder die Atemwege in den Körper ein. Es erfolgt eine Einschwemmung in die Blutbahn und ein Ansiedeln in verschiedenen Organen.

Bei der häufigen Erscheinungsform, der Beulenpest, bricht die Krankheit zwei bis zehn Tage nach der Infizierung aus. Weil die Flohstiche meistens an den Beinen vorkommen, schwellen die Lymphdrüsen der Leiste bis zur Größe eines Apfels an. Sie verhärten sich und beginnen zu pulsieren, was sehr schmerzhaft ist. Es können auch die Drüsen der Achselhöhlen, des Halses oder des Nackens betroffen sein. Dies führt zu Fieber, bis 40 Grad Celsius, Schüttelfrost, heftigen Kopfschmerzen und Gliederschmerzen, Erbrechen, Husten und Atemnot. Weiter Symptome sind Durchfall und ferner eine lallende Sprache und ein taumelnder Gang, der an einen Betrunkenen erinnert. Die Kranken sind sehr unruhig und lassen sich schwer im Bett behalten. Die Haut und die Schleimhäute beginnen sich bläulich zu verfärben. Bei den dunklen Flecken auf der Haut handelt es sich um abgestorbenes Gewebe um den Einstichstellen der Flöhe. In 50 bis 80 Prozent der Fälle sterben die Infizierten dann, an Blutvergiftung, an Herzversagen und Nierenversagen oder an Lähmungen des Zentralnervensystems.

Während die Inkubationszeit bei der Beulenpest mehrere Tage beträgt, sind es bei der zweiten Form der Infektion, der Lungenpest, nur wenige Stunden. Zwischen 95 und 100 Prozent der Betroffenen sterben nach kurzer Zeit. Man unterscheidet zwischen einer primären und einer sekundären Lungenpest. Ein Kranker, der an der Lungenpest leidet, versprüht mit seinen Sprechtröpfchen Pesterreger. Wer sich bei diesem Kranken dann ansteckt, zieht sich eine primäre Lungenpest zu. Hat ein Erkrankter aber so viele Bakterien im Blutkreislauf, dass sie sich in verschiedenen Organen niederlassen, vor allem der Lunge, leidet er dann an einer sekundären Lungenpest, weil er ja am Anfang an der Bubonenpest erkrankte. Der Krankheitsverlauf beginnt mit einer Bronchitis und kurze Zeit später hustet das Opfer Blut. Der Patient stirbt oft an Herzinsuffiziens sowie toxisch bedingtem Kreislaufversagen. Die letzte Form der Pest ist die "abortive Pest", eine klinisch milder verlaufende Variante, bei der es nur zu leichtem Fieber kommt.

 

Die erste Pestwelle

Zwar wird die Beulenpest im Zusammenhang mit massivem Auftreten von Mäusen bereits in der Bibel erwähnt, aber die erste große historisch bekannte Pestwelle beginnt erst im Jahre 541 nach Christus. Nach der Ansicht von Zeitgenossen wurde sie aus Äthiopien eingeschleppt, griff aber schnell auf das Nildelta über und verseuchte Alexandrien. Dann wälzte sie sich über Syrien und Antiochia und erreicht schließlich 542 Konstantinopel. Man nannte diese Pest "Pest des Justianus", da dieser seinerzeit in Konstantinopel herrschte. Konstantinopel verlor 1.000 Menschen pro Tag. Drei Jahre später, also im Jahre 545, war die Seuche soweit abgeklungen, dass Justianus sogar ihr Ende proklammierte. Leider war das nur eine Atempause, denn schon 557 brach die Pest erneut in Antiochia und dann wieder in Konstantinopel aus.

Gallien und Germanien waren 545 und 546 vom "schwarzen Tod" betroffen. Von da an wütete sie bis zum 8. Jahrhundert im Abstand von 12 Jahren, grassierte zwei oder drei Jahre lang in einem bestimmten Gebiet und schwächte sich dann wieder ab, ohne dass man eine Erklärung für den eigenartigen Rhythmus finden konnte. Durch die Pest wurden die Nahrungsmittel dezimiert und die Transportwege brachen zusammen, so dass Hungersnöte der Seuche stets folgten und das Leid der Menschheit noch verschlimmerten. Historischen Aufzeichnungen zufolge manifestierte sich die Seuche zum letzten Mal 750 in Palästina und 767 in Neapel.

 

Die Pest im späten Mittelalter

Die zweite große Pestwelle beginnt 1347 in Kaffa auf der Krim. Nach jahrelanger Belagerung machten die Einwohner der Stadt eine schreckliche Entdeckung. Die Belagerer hatten tote Pestopfer über die Stadtmauern katapultiert. Sofort grassierte die Seuche in der ganzen Stadt und viele Menschen suchten die Flucht. Viele flohen übers Meer, um der Pest zu entkommen und nahmen so die Krankheit mit auf die Schiffe. Die Galeeren, die mit Kranken überhäuft waren, liefen den Hafen von Messina an. Die Einwohner erkannten das Übel zu spät, das die Hilfesuchenden im Schlepptau hatten. Binnen weniger Wochen hatte sich die Pest in ganz Sizilien ausgebreitet. Bis zum Dezember hatte sie ganz Italien und Südfrankreich befallen. In Venedig starben täglich 600 Menschen, Florenz musste die Seuche mit der Hälfte der Bevölkerung bezahlen.

Obwohl die Alpen im Norden für eine Zeit lang als natürliche Barriere dienten, hatte die Pest nach einem Jahr weite Teile Europas und Nordafrikas erreicht, denn es waren vor allem die Seewege über die sich die Seuche ausbreitete: nach Frankreich, Spanien, England, den Niederlanden und nach Deutschland, nach Großbritannien und Irland. 1350 griff sie nach Skandinavien über und drang im Osten tief nach Russland vor. Nach sechs Jahren des Wütens erreichte sie wieder ihren Ausgangsort Kaffa auf der Krim. Deutschland wurde in den Jahren 1349 und 1350 von der Seuche erfasst. Besonders hart traf es Norddeutschland.

Insgesamt hat Europa in der Pestepidemie von 1347 bis 1351 ein gutes Drittel seiner Bevölkerung verloren. Wenn dies auch eine Zeit ist, in der allenfalls noch ein paar Adelige Ahnenforschung betreiben können, so ist dies für die Herkunft der Familien nicht ganz unwichtig. Wenn ein Drittel der Bevölkerung an einer Epidemie stirbt, bedeutet dass nicht, das in allen Orten und Regionen jeder dritte gestorben ist. Es bedeutet, dass ganze Landstriche fast ausgerottet wurden, während andere glimpflich davon kamen. Es setzte also nach der Pestepidemie eine Migration in die entvölkerten Gebiete ein, wie es sie seit den großen Völkerwanderungen nicht mehr gegeben hatte. Für die Ursachen der Pest wurden einmal verdorbene Winde, ein anderes Mal eine schlechte Sternenkonstellation verantwortlich gemacht. Das berühmte Pariser Gutachten von 1348 erklärte das Auftreten der Pest damit, dass am 20. März des Jahres 1345 die drei oberen Planeten im Hause des Wassermanns zusammentraten, um eine besonders feuchte und gefährliche Ausdünstung auszustrahlen, die sich in der Lunge zu einer giftigen Materie zusammenballte, die die Pest erzeugen sollte. Andere Mediziner glaubten, dass die Pest wüte, weil es "Frösche und andere Reptilien" geregnet habe.

Nach 1356 brach die Seuche erneut in etlichen französischen Städten aus, und bis 1670 gab es nicht ein Jahr, in dem nicht mehrere Orte Frankreichs von der Krankheit heimgesucht worden wären. Es gab Orte, die völlig verschont blieben, und andere, die mehrfach heimgesucht.

Zu Beginn des 15. Jahrhunderts begann man in Italien richtige Pestlazarette einzurichten, die aber erst um 1500 auch diesen Namen erhielten. Venedig war die erst Stadt, die im Jahre 1423 ein eigenes Spital speziell für Pestkranke errichtete, um die Kranken zu isolieren und sie bis zu ihrer Genesung oder ihrem Tod zu versorgen. Leider war öfters das Zweite der Fall, denn in den Spitälern konnte sich der Erreger ungehindert ausbreiten, und so kam fast niemand lebend aus solchen Einrichtungen wieder hinaus.

Auch in Deutschland gab es im 15. Jahrhundert immer wiederkehrende Pestwellen: 1449 bis 1453, in den Jahren 1463 und 1464, zwischen 1480 und 1486, von 1494 bis 1499 und auch im 16. Jahrhundert setzten sich diese Bewegungen fort. Gegen diese zunehmend häufig wiederkehrende Erscheinung, von der schließlich nicht nur das einfache Volk betroffen ist, beginnen sich im 15. Jahrhundert auch die Städte zur Wehr zu setzen. Die Stadt Basel erlässt gegen 1400 zum Beispiel ein Seuchengesetz, das allen von Beulenpest, Lungenschwindsucht, Epilepsie, Krätze, Antoniusfeuer, Milzbrand und Aussatz befallenen Personen verbietet, ihren Mitbürgern Nahrungsmittel anzubieten. Zuwiderhandeln wird mit Ausweisung bedroht.

 

Behandeln oder Aussetzen

Kranke wurden und werden zu Hause gesund gepflegt. Das musste aber bei der Pest genau zu dem führen, was man verhindern wollte: der weiteren Ausbreitung. Ganze Familien haben sich angesteckt. Was in den armen Gesellschaften des Mittelalters dann nicht selten die Folge hatte, dass die Hütten der Todgeweihten geplündert wurden. Auch wenn dies nicht geschah, und erst nach dem Aussterben einer Familie das Erbe verteilt wurde: mit dem Erbe wanderten auch die Krankheitserreger in einen neuen Haushalt.

Aus diesem Grunde wurde die Pestkranken häufig aus der Gemeinde verbannt. Bei der Pest von 1348 wurden in Halle alle Aussätzigen in einer Gasse eingemauert. Als die ehrenwerten Bürger den Straßenabschnitt zehn Jahre später wieder freilegten, fanden sie nur noch die Skelette der Pestopfer. Die Gasse war aber vom Gras überwuchert, so nannten sie den Weg Graseweg, so heißt er bis heute.

Da die Menschen des Mittelalters sich das Auftreten der Pest nicht erklären konnten, musste ein Sündenbock dafür gerade stehen. Der Zorn der Bevölkerung richtete sich gegen Ausländer, Krüppel, Bettler, Zigeuner, Hexenmeister und einmal mehr gegen die Juden. Im September 1348 wurde eine Gruppe von Juden nahe dem Genfer See angeklagt, den Brunnen vergiftet zu haben. Dass die Juden selbst an der Pest erkrankten und auch starben, irritierte die hasserfüllte Bevölkerung keineswegs.

In den großen Städten gab es natürlich auch schon zu den Pestepidemien des 15. bis 17. Jahrhunderts Ärzte. Was taten sie ... Ganz einfach, sie folgten nicht selten den anderen vornehmen Stadtbürgern: sie verließen in Panik ihre verseuchte Stadt. Nun, es gab sie auch damals schon: die Ärzte, die nur ihrem Patienten verpflichtet waren. Und weil sie vielleicht noch wussten, dass es bei der letzten Pestepidemie alle Ärzte der Stadt mit hinweggerafft hatte, setzten sich schließlich Schutzanzüge durch. Alle Ärzte waren nämlich überzeugt, dass sich die Pest durch die Luft verbreitet, eine Annahme, die ja nicht völlig aus Luft gegriffen ist. Als Schutz gegen die Krankheit erfanden sie seltsame Masken in der Form von Vogelschnäbeln, die mit wohlriechenden Substanzen gefüllt waren. Es schütze, ähnlich wie der Rauch. Die Behandlung der Kranken mag aus heutiger Sicht nicht ganz optimal gewesen sein: die Kranken wurden mit Essig besprüht oder sie bekamen Umschläge mit einem Brei aus dem Pulver zerstoßener Insekten verschrieben. Das mag heute lächerlich klingen. Aber immerhin sorgten die Ärzte in den Städten dafür, dass nach dem Tod alle Kleider und das Haus des Verstorbenen verbrannt wurden.

Die mittelalterliche Medizin kannte kein Heilmittel. Dies ist dadurch zu begründen, dass der Stand der Heilkunst kaum einen Fortschritt seit der Antike verzeichnete. So war der Kenntnisstand über Ursache, Wirkung und Therapie der Pest deprimierend gering. Für die hereinbrechende Seuche machten damalige Ärzte häufig die Gestirne verantwortlich. In Pesttraktaten nennen die Autoren meist antike Ärzte, wie Hippokrates und Galen, die den Aderlass für die Behandlungen Pesterkrankter anpriesen. Neben ausführlichen Beschreibungen des Aderlasses gaben einige Verfasser von Traktaten diätetische Ratschläge. Weil auch geglaubt wurde, dass die Pest durch die „verpestete Luft“ entstand, versuchte man diese mit Duftstoffen, wie Schwefel, zu reinigen. Zur "Desinfektion" wurde von Essig, Rauch, Schwefel und Parfum, später wurde daraus das weltberühmte "Echt Kölnisch Wasser" entwickelt, Gebrauch gemacht. Ein anderer Glaube bestand in der Annahme, dass zur Fäulnis neigende Speisen , wie verdorbenes Fleisch, Magen und Darm infizieren konnten. Durch Einläufe und Brechmittel versuchten die Ärzte Fäulnisgase oder faulige Speisen aus dem Körper zu eliminieren. Die Medikamente des Mittelalters bestanden im wesentlichen aus dem Pulver zerriebener Edelsteine, aus Salben auf der Grundlage von Heilpflanzen, aus Gewürzsirup, Abführmitteln, Schröpfköpfen und Blutegeln zum Aderlass.

Doktoren in dicken Kostümen und mit Schnabelmasken öffneten die Pestbeulen der Kranken und ließen Eiter und Blut abfließen. Furchtlosigkeit wurde als oberstes Mittel gegen die Pest gepriesen. Mehr als fünfzig verschiedene Pestheilige, darunter besonders der Heilige Sebastian und der Heilige Rochus, wurden angerufen. Isolation und Quarantäne wurden eingesetzt. Dies erwies sich als etwas vom Wenigen, das wirksam war. Jede Stadt führte die Quarantäne, normalerweise vierzig Tage lang, an allen Fremden durch und Kranke wurden isoliert. Ein schlechtes Zeichen waren die Pestkarren, die die Toten gleich karrenweise aus der Stadt zu den Pestlöchern transportierten: Zeichen dafür, dass an einem Tag oft Tausende von Toten weggebracht werden mussten. In diesen Pestlöchern fanden Massenbeerdigungen auf zum Teil makaberste Art und Weise statt: die Toten wurden lagenweise in die Löcher geworfen, mit Erde bedeckt, um darauf die nächste Lage Tote zu werfen. Wurden die Toten noch einzeln beerdigt, so kamen spezielle Pestsärge zum Einsatz: sie besaßen an der Unterseite zwei Klappen, durch die der Tote ohne großen Aufwand ins Grab befördert werden konnte, und der Sarg war einsatzbereit für den nächsten Toten.

Die geschundenen Menschen sahen die Pest als Strafe Gottes für die sündige Menschheit. Aus dieser Erkenntnis gingen dann ähnlich wirkungsvolle Aktionen aus: helfen sollte das Tragen von Amuletten, Geißlerfahrten, Pestsäulen, Gelübde, Bußprozessionen und Bittprozessionen, Anrufung bestimmter Heiliger, Kapellenstiftungen und Festspiele, wie zum Beispiel in Oberammergau.

Im Gegensatz zu dieser gesteigerten Frömmigkeit kommt es aber auch teilweise zu einem regelrechten Sittenverfall. Familiäre Bindungen zählen oft nichts mehr aus Angst vor dem Pesttod, so dass Kranke und Sterbende oft einsam und verlassen sind, es sei denn Bruderschaften nehmen sich ihrer an. Diese kümmern sich auch um die Bestattung der Pesttoten. Die Kunde vom Massensterben soll sich möglichst wenig verbreiten. Daher gibt es Einschränkungen beim Läuten der Totenglocken und bei der Trauerkleidung, die Räder der Leichenkarren werden gelegentlich mit Stoff umwickelt und Tote werden nur nachts aus der Stadt gebracht.

Maßnahmen der Obrigkeiten zur Bekämpfung der Pest sind uneinheitlich und oft nicht effektiv genug. Wirksame Isolierungsmaßnahmen, zum Beispiel die Errichtung von Pesthäusern und Quarantänestationen, scheitern häufig an zu hohen Kosten oder aus Angst vor den wirtschaftlichen Konsequenzen für die abgeschotteten Städte. Bei der Kennzeichnung von Kontaktpersonen und der Isolierung Kranker gibt es bei sozial stärkeren Personen immer wieder Ausnahmen. Versammlungsverbote werden durch Prozessionen konterkariert.

 

Die sozialen, medizinischen und religiösen Auswirkungen der Pest

Das Auftreten von Seuchen beeinflusst das gesamte individuelle, soziale, psychologische und religiöse Weltbild der betroffenen Generation bzw. der betroffenen Generationen. So war es natürlich auch bei der Pest, die ja eine der größten Seuchen der Menschheitsgeschichte darstellt. Die Pest änderte vor allem auch in den sozialen Bereichen des Mittelalters viele Dinge. Durch die Pflege von kranken Angehörigen wussten viele Menschen, wie ansteckend die todbringende Krankheit ist, die Folge war ein Verweigern der dringend benötigten Hilfe und ein Zerfall der sozialen Bindungen. Die Menschen mussten also mit anschauen, wie die familiären und gesellschaftlichen Bindungen zerbrachen und damit auch die wohltuende Ordnung, auf die man doch so stolz war. Damit rief die Pest bei den Menschen nicht nur die eigene Vergänglichkeit wieder ins Gedächtnis, sondern sie zeigte ihnen auch nur zu deutlich, wie bedroht sogar die sozialen Strukturen sind, die eigentlich das Leben des Einzelnen in einem feindlichen Universum schützen sollten.

Es spielten sich regelrechte Horrorszenen ab. Todgeweihte, die noch lebten, wurden ihrer Kleider und ihres Schmuckes beraubt, vor den Blicken der Kranken wurden die Häuser geplündert und oft wurden die halbverwesten und stinkenden Kadaver erst nach einigen Tagen gefunden und dann begraben. Schnell brach die Infrastruktur der Städte zusammen, weil Bäcker, Metzger oder Feldarbeiter erkrankt oder schon gestorben waren. Mütter schlugen ihre Kinder zu Tode, damit diese nicht den brutalen Tod sterben mussten, Männer beerdigten sich selbst bei lebendigem Leibe, um nicht vor dem Sterben von Mäusen, Ratten oder Würmern angefressen zu werden. Die Straßen waren übersät mit Leichen und boten einen grausigen Anblick. Schlimm war auch noch, dass den Pestepidemien auch noch Hungernöte folgten, weil Nahrungsmittel dezimiert wurden und Transportwege zusammenbrachen. Und weil eine Krankheit andere Krankheiten nicht ausschließt, wurde die geschwächte Bevölkerung auch noch von anderen Epidemien heimgesucht. Besonders Adelige und Kleriker konnte sich die Flucht leisten und waren die ersten, die ihre Heimat verließen. Durch den somit entstandenen Mangel an Ärzten und Priestern wurde die Not im Volke nur noch größer. Die Leute wurden nicht mehr behandelt und gepflegt, erhielten die Sakramente, besonders die letzte Ölung, nicht mehr und starben physisch und psychisch total abgewrackt.

Es gab natürlich auch soziale und ökonomische Folgen, die nicht so verheerend waren. So konnten zum Beispiel Menschen aus weniger betroffenen Gebieten in die leerstehenden Häuser von Verstorbenen einziehen und die Nachfrage an Arbeitskräften war natürlich in Gebieten, in denen die Pest viele Menschen dahingerafft hatte, auch besonders groß. Diese Migrationen schufen in wenigen Jahren ein Völkergemisch, wie es Europa seit den großen Barbareninvasionen nicht mehr gesehen hatte. Vielerorts kam es zu einer Vermögenskonzentration.

Nicht nur im sozialen , sondern auch im medizinischen Bereich war die Pest der Motor des Umbruches. Dass wir heute in der Lage sind, viele Infektionskrankheiten wirkungsvoll zu bekämpfen, mag paradoxerweise ein Verdienst der Pest sein und auch das Entstehen einer Lehre von den Volkskrankheiten, der Epidemiologie, war nur möglich, weil die Menschen eine weitere Zeit des Schreckens und des Todes verhindern wollten.

Nach dem Abflauen der Pestepidemien wurde deutlich, dass die Mediziner auf ganzer Linie versagt hatten. Viele waren selbst an der Pest erkrankt und gestorben, so dass an den Universitäten viele Lehrstühle frei wurden. Das schaffte Freiräume für neue Ideen und ungewöhnliche medizinische Ansätze. Es erschienen immer mehr Fachtexte in der jeweiligen Landessprache, anstatt in Latein. Die gesamte medizinische Wissenschaft veränderte sich grundlegend. Man versuchte zum Beispiel bessere hygienische Bedingungen zu schaffen und langsam entwickelte sich daraus der Begriff der Quarantäne. Die gesundheitspolitischen Maßnahmen zielten zunächst auf eine möglichst schnelle Leichenbestattung und Kadaverbeseitigung. Man versuchte die Kranken so gut es ging zu isolieren. Es wurden Pestlazerette errichtet. In Venedig wurde nach einem Pestausbruch sogar ein magistrato della sanita ernannt, dessen Tätigkeitsfelder sich von der Lebensmittelüberwachung bis zur Armenfürsorge und zur Kontrolle über die Prostituierten erstreckte.

Die Medizin des Mittelalters fußte weitgehend auf den Anschauungen der antiken griechischen Medizin. Eine Seuche entstand daher durch Verunreinigungen, die sich unter bestimmten klimatischen Bedingungen in der Luft befinden und durch das Atmen in den Körper gelangen. Schuld an solchen pesterzeugenden Stoffen waren starke Sonneneinstrahlung, faulende organische Stoffe und Sümpfe. Die Pest war also nach dieser Miasmalehre mit einer Massenvergiftung gleich zusetzten. Das beste Schutzmittel aus medizinischer Sicht war demnach eine Flucht vor der verseuchten Luft in eine andere Landschaft.

Besonders stark wurde die Religion von der Pest beeinflusst. Pest und Tod waren zu der damaligen Zeit eine große Bedrohung. Vielleicht waren sie es die das 15. Jahrhundert zu einem so gläubigen Jahrhundert gemacht haben. In dieser Zeit tauchten an den Mauern der Kirchhöfe und Klostern immer häufiger die Totentänze auf, die in Bild und Wort dem Betrachter einhämmern, was er sowieso nicht vergessen kann: memento mori. Die Totentanzbilder zeigen gut die Mischung aus Religiosität und Unruhen, die zu der damaligen Zeit herrschten. Die Religion bot vielen Menschen eine Erklärung für die Pest, denn der heilige Text der Apokalypse nannte unter allen Plagen, die die frühere Welt in Schach hielten, auch die Pest, sah man in ihr das Strafgericht Gottes. Flagellanten zogen gruppenweise durch die Straßen und geißelten sich selbst, viele Randgruppen, wie zum Beispiel die Juden wurden von der Kirche verfolgt, weil sie als Sündenböcke herhalten mussten. Die Menschen dachten, sie hätten Gott durch ihre Sünden erzürnt und versuchten ihn durch Psalmengesang, Prozessionen, Weihen, Bußübungen und Bittgottesdienst wieder freundlich zu stimmen. Doch es half anscheinend alles nichts und die Verzweiflung, die unter den Menschen geherrscht haben musste, wird auch in der westlichen Literatur des Mittelalters und der Neuzeit deutlich. Von Boccaccio bis Camus hat es zahlreiche Autoren gegeben, die der Pest in ihrer Literatur einen wichtigen Platz einräumten.

Auch die Politik blieb nicht verschont. In allen Staaten Europas wankten Throne und Gutsherrlichkeiten. Die Schatzkammern waren leer und die Truppen zersprengt. Sogar der Streit, der die Herrenhäuser Frankreichs und Englands lange Zeit entzweite, ruhte für einige Jahre.

Krieg und Pest traten oft gemeinsam auf, wobei der Ausgang einer Schlacht oder sogar des Krieges von der Pest beeinflusst werden konnte und auch wurde. Je nachdem, ob nun die Aggressoren oder aber die Überfallenen infiziert wurden, kam es zu überstürzten Rückzügen oder unerwarteten Siegen, brach der verseuchte Feind eine Belagerung plötzlich ab oder konnte der gesunde Angreifer sich ganz problemlos einer Stadt bemächtigen. Oder aber die egalisierende Pest hinterließ auf beiden Seiten die gleichen stinkenden Leichenfelder.

Im großen und ganzen kann man sagen, dass die Pest nicht nur Menschen Scharenweise dahinraffte, sonder auch das ganze mittelalterliche Leben völlig umkrempelte und veränderte, was vielleicht auch dazu beigetragen hat, dass die Pest früher und auch heute noch als die schlimmste und bekannteste Seuche aller Zeiten angesehen wird.

Die Obrigkeit begann, Menschenansammlungen, darunter sogar Gottesdienste, zu verbieten, was dazu führte, dass die Absolution aus der Ferne erteilt wurde und das Abendmahl auf zwei Meter langen Löffeln gereicht wurde. Auch erste Hygienevorschriften wurden in dieser Zeit erlassen. Allerdings versuchten die Behörden vielerorts das Auftreten der Seuche zu verheimlichen und wenn nötig zu vertuschen, man wollte die Handelsbeziehungen mit anderen Städten nicht gefährden und die Panik im Volk möglichst verhindern.

Viele Leute lebten nun, im Angesichte eines furchtbaren Todes, viel bewusster, was auch erfreuliche Auswirkungen zur Folge hatte. So stammen die prächtigsten Beispiele von Prozessionen und Umgängen aus der Zeit des Barock und sind eine direkte Reaktion auf die große Zahl von zum Teil Tausenden von Toten täglich. Diese wunderbaren Prozessionen zu Ehren verschiedener Heiliger und der Gottesmutter Maria führten durch sämtliche Strassen der Stadt, wurden von allen einigermaßen gesunden Einwohnern besucht und dauerten meist den ganzen Tag. Während dieser Tage läuteten die Kirchenglocken ununterbrochen und Tausende von Gebeten wurden zum Himmel geschickt.

Manche Leute blieben den ganzen Tag in der Kirche, andere begannen ihre Sünden zu beichten und sich dafür zu geißeln "Flagellanten"; Judenverfolgungen griffen um sich, vielerorts wurden sämtliche Haustiere geschlachtet, Totentänze wurden aufgeführt, Plünderungen waren an der Tagesordnung. Auch missbrauchten einige Herrscher die Panik in der Bevölkerung für ihre eigenen Interessen.

 

 


 

Es ist gegen Abend, die Sonne ist hinter dem Totenberg untergegangen. Dunkelheit liegt über der Stadt, bedrohlich und düster wirkt die Stadtmauer, nur ab und zu brennt eine Fackel und erleuchtet einen kleinen Kreis. Ein Wärter steht am Tor an der Unterpforte und versucht mit seiner Laterne die Dunkelheit zu vertreiben. Nicht nur die Stadt liegt im Dunkeln, auch die Stimmung der Menschen ist niedergedrückt. Die Pest hat Naundorf im Griff. Aus der Dunkelheit in Richtung Untergasse hört man Stimmen die rufen: "Bringt die Toten raus." Der Pestkarren kommt, die Räder mit Lumpen umhüllt um die Geräusche zu dämpfen und um die Nerven der Menschen zu schonen. Die Pestknechte haben an diesen Abend viel zu tun, fast an jedem Haus müssen sie halten um die Toten, die in mit schwarzem Blut durchtränkten Leinentüchern gewickelt sind auf den Karren zu legen. Langsam fährt der Karren zum Untertor um dann im Dunkeln zu verschwinden. Die Toten werden außerhalb der Stadt verscharrt, ihr Hab und Gut verbrannt.

 


 

Ärztliche Weisheiten aus dem Mittelalter aus dem Brief eines italienischen Notars im 14. Jahrhundert:

Ich teile dir mit, was unser Bischof mir vor ein paar Tagen gesagt hat, nachdem die besten Ärzte ihm nicht helfen konnten. Er sagte, das ein Armer ihm ein Mittel gab, das ihn sofort von der tödlichen Krankheit geheilt hätte. Man solle eine weichgekochte Zwiebel zerhacken, Butter hinzufügen und diese Mischung auf die Pestbeulen tun...

 


 

... von französischen Ärzten:

Um der Pest vorzubeugen, sollte man sich nicht dem Morgentau aussetzen, heftige Erregung des Gemüts ist zu vermeiden. Es ist nicht gut, das Fleisch von Schweinen zu verzehren, Kalbfleisch hingegen darf gegessen werden.

 


 

Eines der besten medizinischen Bücher aus dem Mittelalter ist "die Parabeln der Heilkunst" von Arnaldus von Villanova. Von ihm stammt auch der Ratschlag "nach dem Essen sollst du ruhen, oder tausend Schritte tun".

 

Nachdem die Pest in Florenz so grausam zugeschlagen hatte, wollte man die medizinische Versorgung der Bevölkerung weiter verbessern. Mit Geldmitteln von Gilden, Zünften, religiösen Bruderschaften, Ritterorden und privaten Haushalten wurden öffentliche Krankenhäuser errichtet. Dort gab es dann verschiedene Stationen für Adelige, Geistliche und auch normale Bürger, darüber hinaus auch separate Stationen für Patienten mit ansteckenden Krankheiten oder für Geisteskranke. In einem Zeitgenössischen Bericht aus dem Jahr 1480 heißt es über ein florentinisches Krankenhaus: Es wird sich ständig um mehr als 300 Kranke gekümmert. Die Betten sind stets sauber, und es ist immer jemand anwesend der sich um die Patienten kümmert. Speisen und Getränke werden nicht wahllos verteilt, sondern den Krankheiten entsprechend angeglichen.

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