Das Leben der Menschen war entscheidend geprägt von fehlender Zukunftssicherheit, die aus schlechten Lebensbedingungen, mangelnder Hygiene und Krankheiten wie dem Antoniusfeuer, der Lepra und vor allem der Pest resultierte. Der mittelalterliche Umgang mit Krankheiten war geprägt von Glaube, Aberglaube und medizinischer Tradition. Krankheit wurde als Strafe Gottes, als Werk des Teufels empfunden, Heilung konnte allein von Gott kommen. Armut und Krankheit galten im Mittelalter als Gebrechen. Arme und kranke Menschen sollten deshalb nach christlicher Auffassung unterstützt werden.

 

Krankheiten verbreiteten sich nicht nur unter Armen, Aussenseitern oder fern ab. Auch Städte waren hier schnell betroffen. Burkhard Zink schrieb hierzu unter anderem in seiner Chronik:


1466, 24. August - Item es ist zu wißen, daß in dem obgenanten jar anno 1466 was ain gemainer pörtzel hie in der stat und auch anderstwa weit und prait under den jungen kinden. die huesteten alle so ser, daß alles das von in prach, das in in was; sie huesteten oft und dick, daß aiter, pluet und rotz von in prach, und sturben vil kind an dem huesten, also daß sie erstickten. und hueb sich der pörtzel an an dem herbst nach sant Bartholomei tag anno 1466.


 

Seuchen

Pest und Pocken sind beide gemeingefährliche und quarantänepflichtige Krankheiten, die auch als epidemische Krankheiten bezeichnet werden. Um diesen Begriff zu verstehen, muss man sich den Begriff "Epidemie" genauer betrachten. Die Definition besagt, dass Epidemie eine im Volk häufig vorkommende Krankheiten örtlicher und zeitlicher Begrenzung ist. Das Wort leitet sich vom griechischen Wort "epos, Wort, Erzählung" ab.

Beide Seuchen wurden mit vielen verschiedenen Bezeichnungen versehen; so nannte man die Pest im Mittelalter auch "den schwarzen Tod" oder "das große Sterben" und die Pocken waren den meisten Menschen auch unter dem Namen "die bösen Plattern" bekannt. Diese Bezeichnungen zeigen deutlich , wie gefürchtet beide Seuchen waren. Tatsächlich kann man sagen, dass Pest und Pocken die schlimmsten Krankheiten waren, von denen die Menschheit je heimgesucht wurde.

Trotzdem unterscheiden sie sich in vielerlei Hinsicht. Der größte Unterschied liegt wohl im Krankheitserreger selbst, denn die Pest, die schwerste aller mittelalterlichen Seuchen, wird von Bakterien verursacht und die Pocken sind eine Virusinfektion. Auch das Zeitalter, in dem die beiden Seuchen wüteten, ist ein anderes. So war die Pest vor allem im Mittelalter präsent, während die Pocken eine Krankheit unseres Zeitalters sind, besonders des 18. Jahrhunderts. Man kann also sagen, sie lösten das Übel der Pest ab, das die Menschen des Mittelalters in immer wiederkehrenden epidemischen Wellen bedrohte, denn als der schwarze Tod plötzlich von der Bildfläche verschwand, waren es die bösen Plattern, die anfingen ihre Spuren auf den Gesichtern der Menschen zu hinterlassen. Die Pocken entwickelten sich zu einer ständigen Bedrohung, die sich in viel kürzeren Abständen, als die Pest, zeigte. Sie begannen zu einer der gefürchtetsten Krankheiten der damaligen Zeit zu werden.

Da der schwarze Tod die Menschen innerhalb von maximal 7 Tagen töten kann, forderte er erheblich mehr Opfer als die Pocken, die zwar auch gefährlich sind, aber keine so hohe Letalität aufweisen. Bei der Pest gab es nur zwei Möglichkeiten: Entweder man überlebte sie, oder man starb an ihr. Bei den Pocken verhielt sich das ein bisschen anders. Viele Menschen überlebten die Virusinfektion, trugen aber auf jeden Fall die Narben im Gesicht davon. Schlimmere Folgekrankheiten waren auch Erblindung, Taubheit, Lähmungen. Da die Medizin zu Zeiten der bösen Plattern schon bedeutend weiter fortgeschritten war als im Mittelalter der Pest, war es auch möglich gegen diese Krankheit einen Impfstoff herzustellen. Das führte dazu, dass die Pocken heutzutage für die Menschheit keine Bedrohung mehr darstellen, und die Pockenviren nur noch in bestimmten Labors zu Versuchszwecken aufgehoben werden. Aber auch hier diskutiert man darüber, ob man die letzten Viren nicht vernichten soll. Leider gibt es für die Pest, die auch in unserer Zeit noch eine ernst zunehmende Bedrohung ist, keine wirksame Impfungsmethode. Wird die Krankheit aber früh genug erkannt, kann man mit Antibiotika den Patienten schnell von dem Übel befreien.

Im Großen und Ganzen kann man sagen, das Pest und Pocken die schlimmsten Krankheiten waren, von denen die Menschheit je heimgesucht wurde. Die Menschen in unserer Zeit sehen diese Krankheiten nur noch als Gespenster der Vergangenheit an,.

Bei der Pest kann man allerdings nicht von "ausgerottet" reden, denn die Pestbakterien kommen immer noch in Entwicklungsländern mit schlechten Hygienebedingungen und in bestimmten Teilen Amerikas vor. Dort leben Nager, die sie als Zwischenwirt im Körper tragen und in diesen Gegenden, auch Pestreservoirs genannt, kommt es heute noch manchmal vor, dass Menschen erkranken. Eigentlich ist eine Pesterkrankung nicht weiter schlimm, wenn man sie als solche erkennt, denn man kann sie leicht durch Einnahme von Antibiotika bekämpfen. Leider ist die Diagnose bei der Pest nicht so einfach, denn die Anfangsstadien der Krankheit können leicht mit anderen Infektionen verwechselt werden und oft erkennt der behandelnde Arzt zu spät, dass es sich um Pestbakterien handelt und es kann passieren, dass man dem Patienten dann nicht mehr helfen kann.

Trotz des Unheils, das die Pest und die Pocken über die Bevölkerung brachten, hatten die Epidemien auch ihre guten Aspekte. Durch die Pest wurde die Medizin im Mittelalter stark vorangetrieben, da die Menschen nicht mehr an die alten Heilungsmethoden glaubten und dadurch offen für Neues waren.

 

Lepra, Aussatz

Aussatz ist eine bakteriell hervorgerufene Infektionskrankheit, die charakteristische Veränderungen der Haut und Nervenstränge hervorruft. Die Seuche gehörte zum mittelalterlichen Alltag, obwohl stets nur geringe Anteile der Bevölkerung daran erkrankt waren. Ihre Verbreitung in Europa lässt sich auf die Migrationen der Völkerwanderungszeit und die Zeit der Kreuzzüge im 11. bis 13. Jahrhundert zurückführen. Zu Beginn des 13. Jahrhunderts gab es in Frankreich alleine rund 2000 Aussätzigenhäuser, in Europa zählte man deren rund 19000. Die Leprösen unterstanden Sondergesetzen. Die Entscheidung, wer aussätzig sei, wurde meist durch eine aus Laien, den sogenannten "Beschauern" ferner aus Ärzten und Chirurgen bestehende Kommission getroffen. Man erinnere sich daran, dass die Verordnungen Pipins und Karls die Aussätzigen bürgerlich für tot erklärten und man wird daraus ermessen, wie schwer die Entscheidungen der Kommission wogen.

Für die Menschen stellte der Aussatz eine Faszination dar, weil er als ansteckend, unheilbar und verstümmelnd galt. Die Gesellschaft verhielt sich zwiespältig zum Erkrankten, da man eine Ansteckung auf Sündhaftigkeit zurückführen konnte, andererseits das Gebot der Nächstenliebe beachten musste. Mancherorts wurde für den Aussätzigen eine Totenmesse gelesen und nach Schluss der heiligen Handlung eine Schaufel Erde auf die Füsse des Kranken geworfen, er also sinnbildlich begraben. Im Mittelpunkt stand jedoch der Schutz der gesunden Bevölkerung vor Ansteckung. Aussätzige mussten nach Entdeckung der Krankheit in Sondersiechenhäusern oder Leprosenhäusern außerhalb der Stadt leben und, etwa beim Betteln, durch akustische Signale, wie Klapper, Hornsignal oder Rufen, auf sich aufmerksam machen. Zudem mussten sie das Lazaruskleid tragen, eine schwarze Kutte mit zwei weißen Händen auf der Brust, "weil die Hand des Herrn schwer auf ihnen ruhte"; ein schwarzer Hut mit weißem Rand vervollständigte die vorgeschriebene Tracht. Aussatz galt auch als erbliche Krankheit, was einer moralischen Verurteilung der Betroffenen Vorschub leistete. Die Pfarrer waren verpflichtet, Personen mit Verdacht auf Lepra zu melden, um eine Untersuchung herbeizuführen.

Seit dem 13. Jahrhundert wurde diese Untersuchung, Leprosenschau, zunehmend von Stadtärzten und Wundärzten durchgeführt. Das Mittelalter verfügte dabei bereits über ein ausgefeiltes und effektives Diagnoseschema. Eine wirksame Therapie entwickelte die mittelalterliche Medizin nicht. Als Gegenmaßnahme wurde von "schlechter Luft", austrocknenden und kühlenden Speisen abgeraten und Badekuren empfohlen. Allerdings hat nicht die mittelalterliche Heilkunde, sondern die aus der Antike übernommene Absonderung der Aussätzigen zum allmählichen Schwinden des Aussatzes in Europa ab 1400 geführt.

 

Das Antoniusfeuer

Der Auslöser dieser seuchenartig verlaufenden Krankheit ist ein sehr giftiger Pilz, "Mutterkorn", der sich in der Roggenähre einnistet. Sein Giftgehalt ist kurz vor der Ernte am höchsten und nimmt nach drei Monaten bereits stark ab. Mutterkornvergiftungen gab es oft nach Missernten, weil dann die Frucht wegen des Getreidemangels mit allen Verunreinigungen sofort nach der Ernte verbraucht wurde.

Die Vergiftung kann in zwei Formen, als brandige und als krampfartige, auftreten. In Deutschland war vor allem die krampfartige, die das Nervensystem befällt, verbreitet. Die Brandige führte meist zum Verlust von Extremitäten, die nach der Erkrankung entweder von selbst abfielen oder amputiert wurden. Diese Form der Krankheit wurde häufig überlebt. Uns sind eigenartige Mittel zur Bekämpfung der Mutterkornvergiftung überliefert, wie Bleiweiß, Steinstaub, Ostertau und Pfingsttau, Pech und Wagenschmiere und verschiedene Nahrungsmittel.

Die zweite krampfartige Form kann schon am Tag des Getreidegenusses auftreten. Sie äußert sich meistens mit heftigen Rückenschmerzen, Kribbeln in den Gliedern, begleitet von Herzstörungen, Erstickungsanfällen und starker Müdigkeit. Weiter kann es zu Krampfanfällen kommen, wobei die Muskeln in abnormen Stellungen stehen bleiben. Das Bewusstsein bleibt völlig erhalten. Bei dieser Form der Mutterkornvergiftung ist die Sterberate sehr hoch. Der Tod tritt oft während eines Krampfanfalls ein. Die Menschen im Mittelalter erkannten die Krankheitsursache nicht. Erst 1630 entdeckte ein Arzt aus Antwerpen den Zusammenhang zwischen dem Mutterkorn des Roggen und der brandigen Form des Ergotismus.

 

Cholera

Den arabischen und europäischen Seefahrern war bekannt, dass es in Südasien eine Krankheit gab, der man die alte griechische Bezeichnung "Cholera", also "Gallenfluss", gegeben hatte. Sie äußerte sich durch starken Durchfall, heftiges Erbrechen, bläuliche Körperflecken und schnelle Gewichtsabnahme. Der Kranke starb innerhalb weniger Tage oder Wochen an Austrocknung. Wie bei allen Krankheiten und Seuchen des Mittelalters wurde auch hier die Ausbreitung durch die Intensivierung des Handels verstärkt. Es ist auch generell festzustellen, dass viele Seuchen und Krankheiten aus der asiatischen Region stammen und im damals "schmutzigen" Europa einen idealen Nährboden vorfanden, der durch mangelnde Hygiene und wenig medizinisches Fachwissen verstärkt wurde.

 

Ruhr

Die Ruhr wirft sehr viele komplexere bakteriologische und damit medizingeschichtliche Fragen auf. Unter dem Begriff fasst man Infektionskrankheiten des Verdauungsapparates mit bestimmten klinischen Symptomen und Verläufen zusammen, die jedoch durch sehr unterschiedliche Erregertypen verursacht werden. Daher muss auch die historische Rolle unklar bleiben, da man zu dieser Zeit noch keine Mikroben und Keime kannte.

 

Fleckfieber

Das Fleckfieber ist eine durch Läuse übertragene bakterielle Infektionserkrankung, die unbehandelt in der Hälfte der Fälle zum Tod führt. Im Vergleich zur Cholera richtete das Fleckfieber nicht so viel Schaden an. Das Fleckfieber war zu allen Zeiten eine typische "Kriegskrankheit". Doch auch in Friedenszeiten wurden die Leute von dieser Infektionskrankheit nicht verschont, die wie alle Seuchen auf Handelsrouten, Seidenstraßen, Salzstraßen und Pilgerwegen aller Religionen verbreitet wurde.

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