Das Mittelalter muss im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel gestunken haben. Ob Fürstentochter oder Magd, Meisterschmied oder Stallbursche - Hygiene oder Körperpflege gab es nur selten. Unrat, Müll und Fäkalien landeten ohne Abwassersystem auf der Straße, das Vieh lebte meist mit in den vier Wänden und ein Bad wurde zunächst verpönt. Sauberes Wasser gab es kaum und häufig hatten die Menschen Angst, vor Erkältungen. Zudem folgten sie einem Irrglauben, Wasser könne über die Haut in die Poren eindringen und so für schwere Krankheiten sorgen. Die Folgen dieser katastrophalen Bedingungen waren flächendeckende Seuchen, wie die Pest, Blattern oder Cholera, die ganze Landstriche dahinraffen konnten. Erst im Hochmittelalter wurde die in der Antike bereits sehr ausgeprägte Badekultur langsam wieder eingeführt und die Körperpflege wurde nach und nach ernster genommen.

Die Fragen der Hygiene spielten vor allem ab dem Aufkommen größerer Städte eine zunehmende Bedeutung. Der ständige Menschenzulauf, das Leben auf engstem Raum und die permanente Gemeinschaft von Mensch und Tier machten Körperpflege und Reinigung bald zu einer sozialen Aufgabe.

Auch als die Städte größer wurden, dauerte es noch lange, bis es eine ausreichende Wasserversorgung, eine Kanalisation und ein System zur Abfallbeseitigung gab. Die daraus resultierenden Missstände bedrohten schon bald jeden einzelnen. Viele Entwicklungsanstösse lieferte die Kirche und schon bald erließen die Städte zahlreiche Hygienevorschriften. Abfall sollte nicht mehr unachtsam auf die Straße geschüttet werden und Schweine durften nicht länger frei umher laufen. Dazu wurden zahlreiche Spitäler errichtet und der Medizin kam mehr und mehr Bedeutung zu.

 

Die arabische Medizin baute direkt auf den antiken Vorläufern auf. Die griechischen und lateinischen Texte wurden teils im Original tradiert, teils ins Arabische übersetzt. Im arabischen Raum erfuhr die Antike Medizin noch einmal eine Blüte, da arabische Mediziner auf ihr aufbauend auch zu neuen Erkenntnissen kamen. Die Araber entwickelten Spezialistentum und zum Beispiel auch Krankenhäuser von einer Qualität, wie sie im Westen erst im 19. Jahrhundert wiederzufinden waren. Ein Teil des heute vorhandenen Wissens über die griechische Medizin wurde auf Arabisch festgehalten und später wieder ins Griechische übersetzt. Einer der bedeutendsten Ärzte dieser Zeit war der Perser Avicenna, seine Schrift Qanun galt seit dem 12. Jahrhundert als ein Standardwerk der Medizin. Ebenfalls von Bedeutung war der auch aus Persien stammende Rhazes, der einer der ersten Vertreter einer auf Experimenten beruhenden Medizin war.

Während die byzantinischen und arabischen Mediziner das antike Erbe bewahrten, war die Medizin des westlichen Mittelalters recht unberührt von allen Erkenntnissen, die es zuvor einmal gegeben hatte. Nur wenige lateinische Schriften aus dem Altertum hatten überlebt, das Griechische ging verloren. Lediglich klösterliche Heilkräuterkunde wurde betrieben, sodass man diesen Abschnitt als Klostermedizin zusammenfassen kann (dabei herausragend Hildegard von Bingen). Erst ab dem 13. Jahrhundert kamen über Spanien und die Mauren Einflüsse der hoch entwickelten arabischen Medizin nach Mittel- und Westeuropa. Über Italien und die dortigen Handelskontakte nach Byzanz/Konstantinopel wurden die griechischen Texte wieder zugänglich. Wesentlichen Anteil an der Einbringung des griechisch-arabischen Medizinwissens in die westliche Welt hatte die Schule von Salerno, die als eine der ersten medizinischen Hochschulen Europas gilt.

 

Nachdem man über Jahrhunderte hinweg lediglich die alten Autoritäten Galen, Celsus, Avicenna, Rhazes und Hippokrates gelesen hatte, gewannen ab dem 15. und 16. Jahrhundert eigene Erkenntnisse und Untersuchungen an Gewicht. Eigene Beobachtungen und Experimente nach dem Vorbild von Francis Bacon stellten die Autoritäten in Frage und führten zu neuen Entdeckungen besonders in der Anatomie und Physiologie. Vesalius gebrauchte als erstes Sektionen zum Gewinn neuer Erkenntnisse über die menschliche Anatomie, welche zuvor nur zur Illustration von Galen-Texten gebraucht worden waren. Durch Experimente am lebenden Organismus konnte William Harvey im 17. Jahrhundert den Blutkreislauf und die Pumptätigkeit des Herzens beweisen.

Trotz einer Vielzahl neuer, empirisch gewonnener Erkenntnisse blieb die Humoralpathologie aber noch bis ins 19. Jahrhundert Grundlage von Körpervorstellung und Therapie. Verschiedene ergänzende Körpersysteme wie zum Beispiel die mechanistische Sichtweise kamen hinzu. Durch Paracelsus konnten erste Impulse einer Biochemie entstehen.

Ab dem 16. Jahrhundert bildeten sich auch die ersten Versuche, den ärztlichen Stand als Berufsvereinigung zu organisieren, besonders auch, um sich gegen andere, bereits in Zünften organisierte Heilberufe (Bader, Chirurgen) oder traditionelle Heilende (Hebammen, Laienheiler aller Art, religiöse Heilungssuche) durchzusetzen, die den Heilermarkt dominierten.

 

Medizin der Renaissance ist die Bezeichnung für die Geschichte der Medizin zwischen der mittelalterlichen Medizin (unter anderem Klostermedizin) und der Medizin der Neuzeit.

Mit dem Aufstieg des Humanismus begann die auf der Theologie basierende Medizin an Bedeutung zu verlieren. Mit der Erfindung der Druckpresse konnte wiedergefundenes antikes Wissen einer breiten Masse zugeführt werden.

Einen großen Entwicklungsschub gab es auf dem Gebiet der beschreibenden Anatomie. Man begann wieder Sektionen durchzuführen. Mondino dei Luzzi, ein Professor in Bologna, war der erste, der Sektionen durchführte und sein Buch Anathomia war die erste moderne Arbeit zu diesem Thema. Leonardo da Vinci schuf eine Vielzahl anatomischer Zeichnungen in großer Detailtreue, die zum Teil auf selbst durchgeführten Sektionen basierten. Die anatomischen Zeichnungen da Vincis wurden später im Codex Windsor zusammengefasst; zu seinen Lebzeiten wurde jedoch keine seiner medizinischen Studien veröffentlicht.

Das Werk De Humanis Corpori Fabrica des Autors Andreas Vesalius, entstanden 1543, war ein Meilenstein im Fortschritt der Medizin, da es weitgehend korrekt die Lage der Organe im Bauch, die Struktur des Gehirns, die Innervation der Muskeln und den Verlauf der Blutgefäße beschrieb. Gabriel Fallopo beschrieb das Innenohr, die Aufgaben der Knochen und Muskeln und die Sexualorgane. Bartolomeo Eustachi untersuchte den Kopf und die Nieren, beschrieb die Anatomie der Zähne und erkannte die Verbindung zwischen Rachen und Mittelohr.

Servetus beschrieb den Lungenkreislauf in einem Theologiebuch. Andrea Cesalpino, bekannt für seine botanischen Werke, beschrieb beide Kreisläufe des Herz-Kreislauf-Systems. Unglücklicherweise ging auch diese Arbeit verloren.

In Kriegen gemachte Erfahrungen bereicherten das Wissen der Chirurgen. Die meisten Verwundeten starben an Infektionen. Um die Wunden vor Entzündungen zu schützen, wurde heißes Öl verwendet. Der Chirurg und Barbier Ambroise Paré (1510-1590) war der erste, der Blutgefäße abband, um Amputationen komplikationsärmer durchführen zu können.

Die Ärzte des fünfzehnten Jahrhunderts verwarfen zahlreiche Ideen der Antike, unter anderem auch Ansichten des Hippokrates oder die Viersäftelehre Galens.

Eine der kontroversesten Figuren der mittelalterlichen Medizin an der Schwelle zur Neuzeit ist Paracelsus. Von den einen wird er als Schwindler und Scharlatan angesehen, aber andere sehen in ihm den Begründer der modernen Medizin, Vater der Chirurgie, der Erforschung von Kreislaufkrankheiten und industrieller Medizin. Auf Grund seiner Rastlosigkeit bereiste er ganz Europa, sammelte Erfahrungen und sah die Unbegründetheit antiker Medizin. Auf der anderen Seite räumte er der Astrologie große Bedeutung in der Medizin ein. Er sah Gesundheit als Reflexion der Balance der Planeten und die Aufgabe der Ärzte in der Wiederherstellung dieser Balance.

Paracelsus war ein ausgezeichneter Chemiker. Er befasste sich mit der Metamorphose von Materie und mit Pharmakologie. Er forschte über die Heilkraft verschiedener Pflanzen und Kräuter und legte den Grundstein für die Homöopathie. Trotz einiger seiner heute überholten Thesen hatte seine Forschung und seine Lehren Einfluss auf die Medizin bis ins zwanzigste Jahrhundert.

Die Astrologie spielte eine bedeutende Rolle in der Medizin des Mittelalters, die besten Ärzte waren zumindest in deren Grundlagen ausgebildet. Die Medizin des Mittelalters in Westeuropa stellt eine Mischung antiker Traditionen, spiritualistischer Einflüsse und dem dar, was Claude Lévi-Strauss den „schamanistischen Komplex“ und „gesellschaftlichen Konsens“ nennt. Zu jener Zeit existierte keine schulmedizinische Tradition, und die Erfahrungen gingen Hand in Hand mit spirituellen Einflüssen.

Das medizinische Wissen des Frühmittelalters nach dem Untergang des Römischen Reiches basierte hauptsächlich auf überlieferten griechischen und römischen Texten, die zum Beispiel in Klöstern aufbewahrt wurden. Die Ansichten über die Entstehung und Heilung von Krankheiten waren demgemäß nicht rein säkular, sondern Teil einer Weltanschauung, in der Faktoren wie Schicksal, Sünde und astrale Einflüsse eine ebenso große Rolle wie körperliche Ursachen spielten. Die Wirksamkeit von Heilmitteln war eher an den Glauben von Patient und Arzt gebunden, als an empirische Beweise, so dass die Remedia physicalia (physischen Mittel) oftmals einer spirituellen Einflussnahme nachgeordnet waren.

 

Mit der Ausbreitung des Christentums vergrößerte sich die Spannung zwischen Kirche und Volksmedizin mit ihren magischen oder mystischen Elementen, die als mit dem christliche Glauben unvereinbar galten. Zaubersprüche und Beschwörungen wurden in Verbindung mit Kräutern und anderen Heilmitteln angewandt. Solche Praktiken wurden allmählich von den physischen Heilmitteln abgelöst oder durch christliche Gebete bzw. Andachten ersetzt. Auch die Abhängigkeit von der Macht von Kräuter oder Steinen bedurfte einer christlichen Neuinterpretation.

Nach kirchlicher Lehre schickte Gott Krankheit als Strafe, und demgemäß konnte Reue zur Heilung führen. Dies führte zur Verbreitung von Bußpraktiken und Wallfahrten als Heilmittel für Krankheiten. Es gab auch die Ansicht, der Beruf des Mediziners eigne sich nicht für Christen, da die Krankheit eben als von Gott gesandt galt. Gott wurde als der „göttliche Arzt“ angesehen, der Krankheit oder Heilung je nach seinem Willen verteilte. Zudem entstand eine wachsende und ausufernde Zahl von Schutzheiligen, die man für die Heilung bestimmter Leiden verantwortlich machte. Allerdings galt für zahlreiche Mönchsorden, vor allem die Benediktiner, die Pflege der Kranken als das Hauptwerk der Barmherzigkeit.

Die mittelalterliche europäische Medizin entwickelte sich weiter in der Renaissance des 12. Jahrhunderts, als zahlreiche medizinische Texte der griechischen wie islamischen Medizin aus dem Arabischen ins Latein des 12. Jahrhunderts übersetzt wurden. Die bedeutendsten dieser Texte stammten aus Avicennas Der Kanon der Medizin (ca. 1030), eine „medizinische Enzyklopädie“, die die medizinische Überlieferung der griechischen, indischen und muslimischen Ärzte zusammenfasste. Der „Kanon“ wurde ein maßgeblicher Text der europäischen medizinischen Ausbildung bis zur frühen Neuzeit. Andere einflussreiche übersetzte medizinische Texte stammten aus dem Hippokrates zugeschriebenen Corpus Hippocraticum, Alkindus‘ De Gradibus, Haly Abbas‘ und Isaak ben Salomon Israelis Liber Pantegni Abulcasis‘ Al-Tasrif, sowie Galens Schriften.

 

Das mittelalterliche System

Mit dem Niedergang des westlichen Reiches begann die Entwicklung einer einheitlichen medizinischen Theorie, die weitgehend auf den Schriften griechischer Ärzte über Physiologie, Hygiene Diätetik, Pathologie und Pharmakologie basierte und die durch die Entdeckung der Funktion des Rückenmarks als Steuerorgan bestimmter Muskeln Ansehen gewann. Mit dem Aufkommen der Obduktion entdeckte man die Funktion der Herzventile und die Bedeutung von Blase und Nieren.

Galenos von Pergamon, ebenfalls Grieche, war der einflussreichste aus der Antike stammende Arzt der Zeit. Bei aller unbestrittenen Autorität in der Medizin des Mittelalters bedürfen seine Hauptlehren einiger Differenzierung. Galenos beschrieb die vier klassischen Symptome einer Entzündung (Rötung, Schmerz, Hitze und Schwellung) und trug viel zum Wissen über Infektionskrankheiten und Pharmakologie bei. Seine anatomischen Kenntnisse der Menschen waren jedoch unzureichend, da sie auf der Präparation von Schweinen beruhten. Einige Lehren Galens standen dem medizinischen Fortschritt eher entgegen. Seine Theorie, das Blut erhalte seine rote Farbe durch das Pneuma oder den Lebensgeist, mit der irrigen Vorstellung gekoppelt, es werde durch eine poröse Wand zwischen den Herzkammern transportiert, behinderte das Verständnis des Kreislaufs und die physiologische Forschung allgemein. Sein wichtigstes Werk jedoch befasste sich mit der Form und Funktion der Muskeln und der Funktion des Rückenmarks. Es zeichnete sich aus sowohl in Diagnose als auch in Prognose. Galens Werk ist von unschätzbarer Bedeutung, durch seine Schriften wurde die Kenntnis der griechischen Medizin über die Araber bis in die westliche Welt übertragen.

Angelsächsische Übersetzungen klassischer Werke wie Dioskurides' „Kräuter“ überlebten aus dem 10. Jahrhundert und zeigten die Beharrungskraft von Elementen klassischen medizinischen Wissens. Kompendien wie Balds Egelbuch (circa 900) umfassten Zitate aus einer Vielzahl klassischer Werke neben der lokalen Volksmedizin.

Obwohl in Byzanz die organisierte medizinische Praxis nie zu existieren aufgehört hatte, so kann doch im Westen eine Renaissance der Orientierung an maßgeblichen klassischen medizinischen Standardtexten bis an die kirchliche Schola Medica Salernitana im Süditalien des 11. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. In Salerno waren medizinische Texte aus Byzanz und der arabischen Welt zugänglich, aus dem Griechischen und Arabischen übersetzt am nahe gelegenen klösterlichen Zentrum von Monte Cassino. Die Meister von Salerno schufen allmählich einen Kanon von Schriften, wie die bekannte ars medicinae (Kunst der Medizin) oder die articella (kleine Kunst), die über Jahrhunderte zur Grundlage der europäischen medizinischen Bildung wurde.

Mit der Gründung von Universitäten wie der in Paris (1150), Bologna (1158), Oxford, (1167), Montpellier (1181) und Padua (1222) breiteten sich die Arbeiten von Salerno über ganz Europa aus und wurden maßgeblich für die Medizin des 13. Jahrhunderts. Um sich als Doktor der Medizin zu qualifizieren, bedurfte es zehn Jahre inklusive der klassischen Ausbildung, so dass die Zahl der voll qualifizierten Ärzte vergleichsweise gering blieb.

Während der Kreuzzüge wuchs der Einfluss der europäischen auf die islamische Medizin. Usama ibn Munqidh, der eine weitgehende medizinische Unkenntnis der Franken registrierte, beschreibt jedoch einen europäischen Arzt, der infizierte Wunden mit Essig behandelte und empfiehlt eine Behandlung für Skrofulose, die ihm ein solche „Franke“ gezeigt hatte.

Ab dem dreizehnten Jahrhundert forderten zahlreiche europäische Städte ein mehrjähriges Studium oder eine entsprechende Ausbildung für Mediziner. Die Chirurgie galt als weniger angesehen, man sah in ihr lediglich ein Handwerk, bis Roger Frugardi von Parma seine Abhandlung „Über die Chirurgie“ (ca. 1180) veröffentlichte. Ein Strom italienischer Werke verbreitete sich im folgenden Jahrhundert in Europa. Zwischen 1350 und 1365 verfasste Theoderich Borgognoni eine vierbändige systematische Abhandlung über Chirurgie, die Cyrurgia, über die wichtigsten Erneuerungen sowie frühe Formen der antiseptischen Praxis bei der Behandlung von Verletzungen sowie die Narkose aus einer Mischung aus Opiaten und Kräutern.

Die große Krise der europäischen Medizin im 14. Jahrhundert brachte der Schwarze Tod. Die beherrschenden medizinischen Theorien konzentrierten sich dabei auf religiöse statt auf wissenschaftliche Erklärungen.

 

Medizinische Theorien

Der mittelalterlichen Medizin lag die Theorie der Humoralpathologie zugrunde. Abgeleitet von antiken medizinischen Werken beherrschte sie die gesamte westliche Medizin bis ins 19. Jahrhundert. Der Theorie zufolge verfügte jedes Individuum über vier Launen, deren Hauptflüssigkeiten - schwarze Galle, gelbe Galle, Schleim und Blut - von verschiedenen Organen im Körper produziert würden. Ihre Balance sei ausschlaggebend für die Gesundheit einer Person. So verursache zu viel Schleim im Körper Probleme der Atemwege und der Körper versuche, durch Husten ein Gleichgewicht des Körpers wiederherzustellen. Das Gleichgewicht der Säfte im Menschen könne durch Diät, Medikamente und Aderlass mit Blutegeln wieder hergestellt werden. Die vier Säfte verband man auch mit den vier Jahreszeiten, schwarze Galle-Herbst, gelbe Galle-Sommer, Schleim-Winter und Blut-Frühling.

KÖRPERSAFT
TEMPERAMENT
ORGAN
NATUR
ELEMENT
Schwarze Galle
Melancholiker
Milz
kalt, trocken
Erde
Schleim
Phlegmatiker
Lunge
feucht, kalt
Wasser
Blut
Sanguiniker
Kopf
warm, feucht
Luft
Gelbe Galle
Choleriker
Gallenblase
warm, trocken
Feuer

 

Auch den astrologischen Tierkreiszeichen ordnete man bestimmte Charaktere zu. Noch heute dienen die Bezeichnungen „cholerisch“, „sanguinisch“, „phlegmatisch“ oder „melancholisch“ zur Beschreibung bestimmter Persönlichkeiten.

Die Verwendung von Kräutern war natürlich eng verbunden mit diesem System, wobei man den Erfolg pflanzlicher Heilmittel der Wirkung auf die Körpersäfte zuschrieb. Die Verwendung von Kräutern wies auch auf die mittelalterliche christliche Signaturenlehre, der zufolge Gott für jede Krankheit auch ein Heilmittel bereit habe, und dass diesen Dingen, seien sie tierisch, pflanzlich oder mineralisch, eine Marke, eine „Signatur“, ein Hinweis auf ihre Verwendbarkeit innewohne. Zum Beispiel die wie kleine Schädel geformten Samen des Helmkrautes (gegen Kopfschmerz), oder die weiß gefleckten Blätter des Lungenkrauts (gegen Tuberkulose) wegen ihrer Ähnlichkeit mit der Lunge eines erkrankten Patienten. Man vermutet die Existenz einer großen Anzahl solcher Analogien.

Die meisten Klöster entwickelten Kräutergärten (siehe Klostergarten) zur Produktion pflanzlicher Heilmittel, diese blieben ein Teil der Volksmedizin, wurden aber auch von einigen Berufsmedizinern angewendet. Von den Büchern über Heilkräuter wurde das walisische Rote Buch von Hergest (um 1400) zu einem der bekanntesten.

 

Spätere Entwicklungen

Chirurgen des Hochmittelalters wie Mondino dei Luzzi waren die Vorreiter der Anatomie an europäischen Universitäten und leiteten systematische Obduktionen des menschlichen Körpers. Anders als im heidnischen Rom war im hochmittelalterlichen Europa die Sektion einer Leiche nicht vollständig verboten. Allerdings war der Einfluss Galens noch so vorherrschend, dass Mondino und seine Zeitgenossen ihre Ergebnisse in die Galenische Anatomie pressen wollten.

Während der Renaissance seit der Mitte 1450 machte die medizinische Praxis große Fortschritte. Der Italiener Girolamo Fracastoro (1478-1553) vermutete als erster, dass Seuchen durch Dinge außerhalb des Körpers durch direkten oder indirekten Kontakt übertragen würden. Er entdeckte auch neue Therapien für Krankheiten wie Syphilis.

Im Jahre 1543 verfasste der flämischen Gelehrte Andreas Vesalius das erste vollständige Lehrbuch über die menschliche Anatomie: „De humani corporis Fabrica“ („Über die Fabrik des menschlichen Körpers“). Viel später, im Jahre 1628, erklärte William Harvey den Blutkreislauf durch Venen und Arterien. Man hatte zuvor angenommen, Blut entstünde aus Nahrung und würde vom Muskelgewebe absorbiert.

Im 16. Jahrhundert entdeckten Paracelsus und Girolamo, dass Krankheiten durch Faktoren außerhalb des Körpers wie Bakterien verursacht würden und nicht durch Ungleichgewichte innerhalb des Körpers.

Auch Leonardo Da Vinci übte einen großen Einfluss auf den medizinischen Fortschritte in der Renaissance aus. Als beobachtender Wissenschaftler war er an mehreren Obduktionen beteiligt und schuf zahlreiche detaillierte anatomische Zeichnungen, die Grundlage eines Hauptwerks der vergleichenden Anatomie werden sollten. Die anatomischen Zeichnungen da Vincis wurden später im Codex Windsor zusammengefasst; zu seinen Lebzeiten wurde jedoch keine seiner schriftlichen Arbeiten veröffentlicht.

Der französische Militärarzt Ambroise Paré (*1510 ) belebte die alte griechische Methode des Abbindens der Blutgefäße. Nach einer Amputation war es allgemein üblich, die Blutung der offenen Wunde durch siedendes Öl, Wasser oder erhitztes Metall zu stoppen. Paré soll auch die Wundversorgung mit sauberen Bandagen und selbst bereiteten Salben aus Ei, Rosenöl und Terpentin eingeführt haben. Als erster fertigte er Hand- und andere Prothesen für amputierte Patienten. Bei einer solchen künstlichen Hand konnten zwei Finger zum einfachen Greifen und Loslassen bewegt werden.

 

Medizinische Katastrophen waren in der Renaissance häufiger als heute. Die Handelswege bildeten das perfekte Transportmittel für Krankheiten. Achthundert Jahre nach der Justinianischen Pest kehrte die Pest nach Europa zurück. Von Asien aus erreichte der Schwarze Tod 1348 das Mittelmeer und Westeuropa (möglicherweise durch italienische Kaufleute auf der Flucht vor Kämpfen auf der Krim), und raffte in sechs Jahren 25 Millionen Europäer dahin, etwa 1/3 der Gesamtbevölkerung und bis zu einer 2/3 der am schlimmsten betroffenen Städte. Bevor die Mongolen das belagerte Kaffa auf der Krim verließen, schleuderten sie die tote oder sterbende Körper infizierter Soldaten mit Katapulten über die Mauern, um die Bewohner zu infizieren, eines der frühesten Beispiele biologischer Kriegführung. Dies gilt als Ursprung der Ausbreitung der Pest in Europa.

Vom 14. bis 17. Jahrhundert kehrte die Pest immer wieder nach Europa und das Mittelmeer zurück. Bekannte spätere Ausbrüche waren die Italienische Pest 1629-1631, die Große Pest von Sevilla (1647-1652), die Große Pest von London (1665-1666), die Große Pest von Wien (1679), die Große Pest von Marseille in 1720-1722 und der Pestaufstand 1771 in Moskau.

Entgegen der verbreiteten Meinung ging die Kultur des Bades und der Hygiene in Europa nicht mit dem Untergang des Römisches Reich verloren. Das Baden in Europa kam in Wirklichkeit nicht aus der Mode, bis man es kurz nach der Renaissance durch den massiven Einsatz von Schwitzbädern und Parfüm ersetzte, da sich in Europa die Ansicht verbreitete, Wasser könne Krankheiten durch die Haut in den Körper transportieren. Mittelalterliche Kirchenautoritäten sahen im öffentlichen Baden die Wurzel von Unmoral und Krankheit. Die Römisch-katholische Kirche versuchte ohne Erfolg, ein Badeverbot durchzusetzen, um Europa vor der Syphilis zu bewahren.

 

Jahrhunderte lang war die so genannte Klostermedizin die einzige Heilkunde, mit der Kranken geholfen werden konnte. Die Ordensleute wussten: Gegen so manches Zipperlein ist ein Kraut gewachsen! Bereits seit einigen Jahren erleben viele dieser zum Teil uralten Arzneipflanzen und Heilkräuter eine Art Renaissance. Doch es ist mehr als eine Modeerscheinung: In den letzten Jahren bekommen Heilmittel aus der Klostermedizin auch von der modernen Medizin wissenschaftliche Anerkennung. Neueste Analyseverfahren machen es möglich, alte Rezepturen nach aktuellen Standards zu überprüfen und in den Handel zu bringen.

 

Ein großes Werk der Klostermedizin stammt von Hildegard von Bingen (1098-1179). Sie hat in ihrem Schriftwerk “Physica” die Wirkungen von über 200 Heilpflanzen beschrieben. Auch wenn sie sich selbst als “indocta”, als Ungebildete, bezeichnet, muss man davon ausgehen, dass eher das Gegenteil der Fall war. So gehört Hildegard zu den ganz wenigen mittelalterlichen Autoren medizinischer Literatur, die in ihren medizinischen Werken religiöse und moralische Betrachtungen einfließen lassen.

 

Der Apotheker

Im Laufe des Mittelalters hatte sich die Pharmazie, von der Medizin getrennt und sich zum unabhängigen Berufsstand emanzipiert. Der Apothekerstand hatte mehrere Entwicklungslinien. Eine davon führte aus der seit alters her bekannt mehr kaufmännisch-handwerklichen Tätigkeiten Drogensammler und Drogenhändler, die neben dem Ankauf und Verkauf, Zubereitung, vorrätig halten und Verkauf von Gewürzen mit arzneilich wirksamen Drogen, Kräuter, Wurzeln, Rinden, Samen handelten. So bildete sich auch auf diesem Wege der Stand der Apotheker, der Confectionarii, Zubereiter, aus, wobei Arzt und Apotheker keine gemeinsame Sache machen durften, und Rezepte nur nach ärztlicher Vorschrift anzufertigen waren. Dass sich vor allem im Mittelmeerraum, in Italien und Südfrankreich, zuerst der Apothekerstand ausbildete, ist leicht zu erklären, da der gesamte Drogenhandel mit dem Orient über Venedig, Genua und Marseille lief. Seit 1530 stellten die Universitäten in Padua und Bologna als erste Hochschulen der Arzneikunde eigene Lehrstühle zur Verfügung. Um 1540 richteten Padua und Pisa die ersten universitätseigenen Botanischen Gärten ein, und seit 1536 war es in Paris für Apothekerlehrlinge obligatorisch, wöchentlich zwei Vorlesungen in der medizinischen Fakultät zu hören. Die Apotheker im Spätmittelalter verkauften jedoch nicht nur Arzneien. Auch teure Gewürze, das kostbare Papier, exotische Weine und andere Luxusgüter und das beliebte Konfekt konnten hier erstanden werden. Trotzdem war es schwer, als Apotheker vermögend zu werden. Denn die Konkurrenz in Form von fliegenden Händlern, Wunderdoktoren, Theriakkrämern, Kräutersammlern, Wurzelgräbern und Spezereihändlern war groß.

 

Das Hospitalwesen

Im Mittelalter umfasste der Begriff Krankenhaus sowohl Herbergen für Reisende, Ausgabestellen für die Armenversorgung, Kliniken und Praxen für Verletzte und Heime für Blinde, Lahme, ältere Menschen und psychisch Kranke, zudem ist das Wort Spital oder Hospital eine veraltete Bezeichnung für Pflegeheime und Altersheime. Es leitet sich vom lateinischen hospes, Fremdling, ab. Ursprünglich bezeichnete es die meist christlich geführten Armenhäuser. In Österreich, der Schweiz und einigen Gegenden Deutschlands wird das Wort heute als Synonym für Krankenhaus verwendet. Klosterhospitäler entwickelten zahlreiche sowohl medizinische als auch spirituelle, Behandlungsmethoden.

817 bestimmte die Aachener Synode, dass jedes Kloster oder Stift über eine derartige Einrichtung verfügen sollte. Seit einem Dekret von Papst Clemens V. aus dem Jahre 1312 brauchten die Hospitäler nicht mehr zwingend Kirchengut im engeren Sinn von Besitztum und Verfügungsgewalt sein. Als karitative Einrichtungen besaßen sie aber weiterhin kirchlichen Charakter. Jedermann konnte nun zum Heil seiner Seele ein Hospital gründen und auf eigene Rechnung betreiben, musste aber die Erlaubnis des Bischofs einholen, wenn er eine Kapelle, einen Altar oder einen Friedhof eingliedern und einen Spitalgeistlichen einstellen wollte.

In einer mittelalterlichen Klosterordnung aus dem 12. Jahrhundert gibt es folgende Vorschriften für das führen eines Hospitales: Es werden vier Ärzte angestellt, denen die Eigenschaften des Urins bekannt sind, die Krankheiten zu unterscheiden vermögen und die richtigen Heilmittel kennen. Alle Betten sollen lang und breit genug sein um die notwendige Bequemlichkeit zu bieten. Jeder Kranke bekommt einen Pelz, Schuhe und Wollmütze, wenn er zum Abort gehen muss. In jedem Raum sollen Helfer sein, um die Füße zu waschen und die Betten zu richten. An drei Tagen bekommen die Kranken Schweinefleisch oder Hammelfleisch, wer dies nicht verträgt auch Hühnerfleisch.

Während des dreizehnten Jahrhunderts erbaute man eine immense Zahl von Hospitälern. Dabei taten sich die italienischen Städte besonders hervor. Mailand verfügte über nicht weniger als ein Dutzend und Florenz vor dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts über rund dreißig solcher Hospitäler. Einige davon waren prächtige, teilweise von Michelangelo gestaltete Bauwerke. In Mailand stammte ein Teil des Allgemeinen Hospitals von Donato Bramante. Das zu Ehren der Katharina von Siena erbaute Hospital von Siena erlangte hohe Berühmtheit. Die Hospitalbewegung verbreitete sich in ganz Europa. Rudolf Virchow zufolge verfügte jede deutsche Stadt mit fünftausend Einwohnern über ihre eigene Klinik. Nach seinen Erkenntnissen ging diese Hospitalbewegung auf Papst Innozenz III. zurück.

Diese Hospitäler verbreiteten sich in großer Zahl unter anderem in Frankreich und England. Nach der französisch normannischen Invasion in England führte die Verbreitung Französischer Ideale dazu, dass die meisten mittelalterlichen Klöster ein hospitium oder Hospiz für Pilger errichteten. Diese hospitia entwickelten sich schließlich zum heutigen Krankenhaus. Mönche und Laienhelfern betreuten kranke Pilger und Opfer zahlreicher Seuchen und chronischer Krankheiten des mittelalterlichen Westeuropa. Benjamin Gordon zufolge ist das Krankenhaus - wie wir es kennen - eine französische Erfindung, die ursprünglich zur Isolierung Lepra- oder Pestkranker entwickelt und erst später zur Pilger-Hilfsstation umfunktioniert wurde.

Neben den großen Krankenhäusern in den Städten gab es kleine in den Landgemeinden, cucurbitae, mansiones, stellae, "Feldhütten", in denen die Kranken abgesondert wohnen mussten, sie wurden "ausgesetzt".

Ein gut erhaltenes Exemplar eines Berichts aus dem 12. Jahrhundert aus der Hand des Mönchs Eadmer von Canterbury schildert detailliert die Ziele des Bischofs Lanfranc bei der Schaffung und Erhaltung dieser frühen Krankenhäuser:

Aber ich darf schließlich nicht verschweigen, was er für die Armen außerhalb der Mauern der Stadt Canterbury leistete. Kurz, er baute ein beachtliches und geräumiges Haus aus Stein ... für unterschiedliche Bedürfnisse und Annehmlichkeiten. Er teilte das Hauptgebäude in zwei Teile, einen für die Männer mit unterschiedlichen Gebrechen und einen für Frauen in schlechtem Gesundheitszustand. Er traf auch Vorkehrungen für ihre Kleidung und die tägliche Nahrung, bestellte Bedienstete und Aufseher für alle Maßnahmen, so dass es ihnen an nichts fehlen sollte.

Die Aufgaben der Spitäler waren mannigfaltig und basierten auf den Werken der Barmherzigkeit: Speisung, Aufnahme und Bekleidung der Armen, Beherbergung der Fremden, Pflege der Alten und Kranken sowie Bestattung der Toten. Kommunalisierung, Verpfründung, das heißt, die Insassen kauften sich mit der Erwerbung von Pfründen ein, und Spezialisierung waren die Tendenzen, die das Spitalwesen seit dem 14. Jahrhundert in den Städten bestimmten.

Nach der Definition der Historikerin Claudia Tiggemann Klein sind Gesundheitsfürsorge, Wohltätigkeitssinn und Frömmigkeit die drei Grundpfeiler des Hospitalwesens.

 

Die Erfindung der Brille

Die Augenheilkunde gilt schon seit der römischen Kaiserzeit als eigenständiges medizinisches Fachgebiet. Die Ärzte hatten spezielle Instrumente um ihre Operationen durchzuführen. Sehhilfen waren noch unbekannt. Erst nach der Übersetzung eines arabischen Werkes von Ibn Al Haitham, der im Zusammenhang mit der Sehschwäche auf die vergrößernde Wirkung von Linsen hinwies, wurden Berylle, daher der Name Brille, und Quarze geschliffen, die man direkt auf einen Text gelegt als Vergrößerungshilfe zum lesen nutzen konnte. Zuerst nutzte man diese Lesesteine dann an einem Stiel, den man sich zwischen Augen und Text hielt. Später dann, im 13. Jahrhundert wurde in Oberitalien der Zusammenschluss zweier Gläser mit einem Niet, den man sich auf die Nase klemmen konnte, die Brille erfunden. Als nächstes folgte die Bügelbrille, auch noch mit konvex geschliffenem Glas, also nur um die Alterssichtigkeit zu beheben. Ab etwa 1450 schliff man dann auch konkav, um auch die Kurzsichtigkeit zu behandeln.

 

Die Geburt im Mittelalter

Eine Geburt zur damaligen Zeit bedeutete fast immer ein großes Risiko für Mutter oder Kind. Eine Frau im Mittelalter wurde häufiger schwanger als die Frauen heute, dabei ist zu beachten das Stadtbewohnerinnen häufiger gebaren als Bauersfrauen, da diese oft durch die schwere körperliche Arbeit unfruchtbar waren. Aus der Chronik der Familie Dürer geht zum Beispiel hervor das die Mutter vom Albrecht Dürer zwischen 1468 und 1492 insgesamt 18 Kinder gebar. Von diesen 18 erreichten aber nur 3 das Erwachsenenalter. Die meisten Kinder starben schon kurz nach der Geburt, meist an heute durch die Schutzimpfung so harmlosen Krankheiten wie Maser, Röteln, Pocken oder Diphtherie. Die vielen Schwangerschaften sind durch die mangelnde Kenntnis der Verhütung, welche zudem noch von der Kirche verboten war, zu erklären. Man verwendete zum Beispiel geschmolzenes Bienenwachs, Pfefferminz, getrocknete Wurzeln, Seetang, Gras oder auch alte Lumpen um das Eindringen des männlichen Samens zu verhindern, Die verbreitetste Art der Verhütung war wohl der Coitus Interruptus, aber dieser war von der Kirche als große Sünde verdammt.

Geburtshilfe war ausschließlich Frauensache. Konnte einem Mann die Teilnahme an einer Geburt nachgewiesen werden, drohten strenge Strafen, so wurde zum Beispiel ein Mann in Hamburg hingerichtet weil er sich als Hebamme verkleidet hatte. Von der Lagerung des Fötus im Mutterleib hatte man im Mittelalter noch keine richtige Vorstellung, zeitgenössische Abbildungen verleiten uns heute zum schmunzeln. Doch gute und richtige Ratschläge gab es auch, sollte das Kind zur Geburt nicht mit dem Kopf voran liegen, sollte es mit der Hand gedreht werden. Fast überall in Europa wickelte man die Kinder sehr fest, da man Verwachsungen des Körpers vermeiden wollte. In Irland und Wales hingegen überließ man es der Natur des Wuchs des Körpers zu bestimmen. Auch wickelte man die Kinder dort nicht, dies geht zumindest aus einer Schrift eines Unbekannten aus dem 13. Jahrhundert hervor.

Fast im gesamten Mittelalter lag die Geburtshilfe in den Händen nicht speziell ausgebildeter Helferinnen. Erst im 14. Jahrhundert entwickelte sich der Beruf der Hebammen und es wurden in vielen Städten fest bezahlte Ammen eingestellt. Wurden die Hebammen nicht von der Stadt entlohnt, erhielten sie Geld oder Sachleistungen vom Vater des Kindes. Es gab spezielle Hebammenverordnungen auf denen die Helferinnen vereidigt wurden um auch die Betreuung der armen Frauen sicherzustellen. Zu den Aufgaben der Ammen zählte auch die Nottaufe, falls das Baby während der Geburt sterben sollte. Durch die vielen Todesfälle warf man den Ammen vor, den Tod eines Kindes oder der Mutter bewusst herbeizuführen. Nicht wenige Ammen standen deswegen im Verdacht der Hexerei. Viele reiche Bürgerinnen und adelige Frauen gaben ihre Kinder zum stillen an Hebammen ab. Oft wurden die Kinder auch in ein nahe gelegenes Dorf gebracht und lebten dort ihre ersten Jahre.

 

Medikamente und Heilmethoden des Mittelalters 

Verletzungen und Krankheiten
Heilmethoden
Blutstillung Tupfer in die Wunde gepresst; Nadeln zur Umstechung; Faden zur Unterbindung; Glüheisen zur Zerkochung der Gefäße
Amputation siedendes Öl
Desinfektionsmittel Wein; Terpentinöl; Rosenwasser
Blutgerinnung
verklumpende, verklebende oder verätzende Mittel, wie Eiweiß; Honig; Mehl; Butter; Kupfervitriol; ungelöschten Kalk.
All diese Mittel stoppen zwar die Blutung, hinterlassen aber große Narben.
Nasenbluten
kühle Umschläge, bestehend aus frischem Dill; doppelte Menge Schafgarbe auf Stirn, Schläfen und Brust.
Im Winter: pulverisierte Zutaten mit Wein in einem Sack auf die oben genannten Stellen. Auf die Nasenlöcher Nesselwasser 
Entzündungen und
Hautkrankheiten
Wein; Salz; Terpentinöl; Wermutwasser; Kupfervitriol; ungelöschter Kalk; Arsenik; Schwefel; Quecksilber 
Heilung alter Wunden Salben aus Olivenöl; Kupferoxid; Bylharz; Mastix; Lorbeeröl; Ammoniakharz; Klauenfett; Wachs; Hirschtalg; Rindermark; Bärenschmalz; Kampfer; Lavendelöl; Myrrhe; weißem Weihrauch; Zinnoxid; Bleiglätte oder Bleiweiß
Spulwürmer Fenchelwasser
Mehlwürmer Salbe aus Bleiglätte; Essig und Rosenöl
Brandwunden Wachholder; ungesalzenes Schweineschmalz; ein Ei; 
Zutaten werden gekocht und die festen Bestandteile als Salbe benutzt.
Pfeilwunden und
Schusswunden
Rotwein mit Johannisbrot; Leinsamenöl mit Drachenblut 
Knochenbrüche; et cetera Mit Salbe bestrichen; in Eiweiß getränkte Leinentücher, eine Art Gips.
Bisswunden Wunde zum Bluten bringen, damit das Gift ausströmt, zum Beispiel Blutegel aufsetzen; danach Pflaster aus Nesselwasser, Honig, Knoblauch, Salz, zermahlenen Nüssen, Pfefferminze, Butter oder Hirn eines Huhnes 
Hornissenstiche, Wespenstiche oder Bienenstiche kalter Stahl auf die Schwellung
Epilepsie getrocknetes Maulwurfsblut; Schnabel einer weiblichen Ente; Fuß ohne Haut und Fleisch einer weiblichen Gans . Alles zu einem Pulver verarbeiten; dieses in einem Tuch 3 Tage lang auf ein frischen Maulwurfshügel legen; danach gefrieren lassen und in der Sonne trocknen lassen; aus Leber und Weizenmehl kleine Kuchen formen; Verzehr in mindestens 5 Tagen bis in maximal 5 Wochen, je nachdem wie es wirkt.
Völlegefühl; Überanstrengung; Herzklopfen; Lebererkrankungen Muskat; Gold; Margariten; Perlen; Kochen des Herzens eines Hirsches; Amber
Herzinfarkt Muskatblüte
Asthma Salben und Sirup; kein Käse, keine Nüsse und keine Brotkruste essen
Magenschmerzen und Brechreiz Wermutwasser oder Salbei; süßen, leichten Wein; Olivenöl; Butter oder Kümmel; Pfeffer; Bibernell; Weizenmehl; Wasser und Eidotter zum Kuchen verarbeitet

 

Wurm im Kopf

Ein wieder entdecktes Manuskript aus dem Mittelalter gibt Aufschluss über Techniken früher Hirnoperationen.

Manchmal ist einfach der Wurm drin, gelegentlich sogar im Hirn - so glaubten jedenfalls viele Menschen im Mittelalter. Doch wie ein Operationsbericht aus dem 14. Jahrhundert belegt, den Medizinhistoriker der Universität Würzburg derzeit analysieren, hatten die damaligen Chirurgen schon beachtliche Kenntnisse, einem solchen "Worm im Koppe" - einem Tumor - zu Leibe zu rücken.
Dass der Text erst jetzt das Augenmerk der Forscher fand, hängt mit seiner ungewöhnlichen Geschichte zusammen. Das aus Nord-Niedersachsen stammende Manuskript war in der damaligen "Volkssprache" Mittelniederdeutsch verfasst - Wundärzte hatten keine akademische Ausbildung und konnten kein Latein. Veröffentlicht und annotiert wurde der Bericht zudem bislang nur von einem schwedischen Doktoranden.
Für die Historiker hat der Text einen hohen Wert. Denn die wenigsten Operationsberichte aus jener Zeit sind erhalten geblieben, und vielfach hatten die Meister ihre Kenntnisse in chirurgischen Geheimbüchern notiert, die sie nur an ausgewählte Zöglinge weitergaben.
Wie die Wundärzte schreiben, litt ihr Patient an einem Meningeom - einer Geschwulst, die an der Hirnhaut haftet und oft am Schädelknochen nagt. "Mediziner waren bereits in der Lage, den Tumor zu orten", sagt Projektleiter Gundolf Keil. Sie testeten die Beweglichkeit und Sensibilität der Gliedmaßen, um den geschädigten Hirnbereich einzugrenzen und den Schädel gezielt anzubohren.
Mit einer Art Zange öffneten sie die Knochenplatte und klappten diese zur Seite. Nachdem sie die schmerzempfindlichen Hirnhäute durchtrennt hatten, versuchten sie, in der gefühllosen Hirnmasse krankes von gesundem Gewebe zu unterscheiden. Auch dass es lebenswichtig war, die Geschwulst komplett herauszulösen, wussten die Wundärzte bereits. "Etwa die Hälfte der Patienten überlebte den Eingriff", sagt Keils Kollege Werner Gerabek - auch der beschriebene Patient.
Gelernt hatten die Ärzte ihre Technik auf dem Schlachtfeld. "Im Mittelalter wurde mit neuen Waffen gekämpft", so Gerabek. Mit Schwingbeil, Hammer und Morgenstern schlugen die Gegner aufeinander ein. Und die Chirurgen mussten sich neue Methoden ausdenken, um Verletzte zu retten. Vor der Operation betäubten sie ihre Patienten - und das mit effizienten Mitteln: In Alraune-, Schierling- und Bilsenkraut-Extrakten getränkte Schlafschwämme wurden dem Verwundeten über Mund und Nase gelegt, der daraufhin in Vollnarkose operiert werden konnte; den Narkose-Abbruch bewirkten Weckschwämme mit Fenchel-Extrakten.
Dennoch haben die Ärzte ab etwa 1490 von dieser Methode Abstand genommen. Der Grund ist umstritten. Nach einer These von Franz-Josef Kuhlen, Pharmazie-Historiker aus Rosbach, wollten die Mediziner nicht in den Verdacht der Hexerei geraten und mieden das Narkose-Kraut, das, mit dem "Fett ungetaufter Kinder" zu einer Salbe vermischt, angeblich das Besenreiten durch die Luft ermöglichte.
Keil und Gerabek nennen einen profaneren Grund. Die Dosierung sei sehr schwierig gewesen, was den führenden deutschen Chirurgen des Spätmittelalters zum Ausspruch bewog: "Do hüet dich vor."
Schmerzlose Operationen waren für die folgenden 350 Jahre selten. Erst Äther und Chloroform machten die Vollnarkose wieder möglich.

 

Das Schröpfen

Beim Schröpfen setzte der Bader eine erhitzte Glasglocke oder Metallglocke über eine Hautritzung um auf diese Weise Blut zu entziehen. Wie auch beim Aderlass sollte so das richtige Verhältnis der Flüssigkeiten im Körper wieder hergestellt werden. Die Lehre von der ausgewogenen Körperflüssigkeit geht auf den griechischen Arzt Galen zurück, der im 2. Jahrhundert in Rom praktizierte. Man glaubte das das Verhältnis der vier Körpersäfte, weißer Schleim, schwarze und gelbe Galle, sowie Blut, unmittelbar mit Krankheit und Gesundheit des Menschen zusammenhingen.

Ebenso wurde die Mischung der Säfte für das Temperament und die Gemütsverfassung des Kranken verantwortlich gemacht. Ein weiteres beliebtes Heilverfahren neben dem Schröpfen und dem Aderlass war die Kauterisation, hierbei wurde ein glühendes Eisen auf eine Geschwulst oder die blutenden Ränder einer Wunde gesetzt, dies sollte den Heilungsprozess beschleunigen.

 

Quatemberfasten

kirchlich vorgeschriebenes Fasten, durch das man den Anfang jeder Jahreszeit heiligen wollte. Das Frühlingsquatemberfasten liegt in der ersten Fastenwoche nach Aschermittwoch, das Sommerquatemberfasten in der ersten Pfingstwoche, das Herbstquatemberfasten in der dritten Septemberwoche und das Winterquatemberfasten in der dritten Dezemberwoche. In diesen Wochen musste man sich am Mittwoch, Freitag und Samstag fastengemäss ernähren.

 

Körperpflege

Die Körperpflege war stark von dem jeweiligen gesellschaftlichen Rang abhängig, wer tagtäglich um sein Überleben kämpfen musste, hatte natürlich weniger Zeit für die tägliche Körperpflege. Dennoch gab es durchaus Maßnahmen für die persönliche Hygiene. Zum Teil waren sicherlich Möglichkeiten bekannt, beispielsweise die Zähne zu putzen oder zu pflegen. Schwierig war es für die nicht wohlhabenden Frauen: da kaum Unterwäsche getragen wurde und Stoffbinden für sie nicht erschwinglich waren, lief das Menstruationssekret gegebenenfalls einfach an den Beinen hinunter.

 

Badekultur

Mit dem Errichten von Badehäusern und Badestuben wurde auch die private Hygiene mehr in den Lebensmittelpunkt gerückt. Allerdings spielte dort weniger die Körperpflege, als das persönliche Vergnügen eine besondere Rolle. Gutes Essen, Musik und Frauen gehörten wie der Barbier und der Bader zum Grundinventar der Badestuben. Diese Einrichtungen trugen viel zur Hygiene der Stadtbevölkerung bei und erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit in allen Ständen.

Der Kult flaute jedoch schon nach wenigen Jahrhunderten wieder ab. Dies könnte zum einen der kirchlichen Trennung in Frauen- und Männerbadehäuser angelastet werden, zum anderen könnte die Hygiene selbst das Problem gewesen sein. Da auch gerne kranke Menschen die Badestube aufsuchten, wurden die warmen Wannen zu regelrechten Brutstätten für Krankheitserreger und Bakterien.

 

Haarpflege

Ob in der Neuzeit, bei den alten Griechen oder im Mittelalter, Haarpflege und –mode waren zu jeder Zeit Teil des gesellschaftlichen Lebens. Während sich die Herren beim Bader oder Barbier ihr Barthaar schneiden und den Kopf waschen ließen, sorgten sich auch die Frauen um ein gepflegtes Haupthaar. Bei den Germaninnen war es vor allem das blonde Haar, das begehrt und lang getragen wurde. So manches Fräulein griff auch schon mal zu einem Bleichmittel, wenn der Farbton nicht ganz dem aktuellen Trend entsprach. Auch mit Puder wurde gerne nachgeholfen und zahlreiche Funde der Gegenwart beweisen, dass auch schon die Damen des Mittelalters gerne auf Kämme und Bürsten zurückgegriffen haben.

 

Menstruation

Anders, als sich vermuten lässt, waren sich die Menschen des Mittelalters schon sehr einig, dass die Menstruation ein Zeichen für Fruchtbarkeit und Gesundheit der Frau ist. Die erste Monatsblutung galt schon damals als untrügliches Zeichen für die Geschlechtsreife junger Frauen. Doch trotz dieses schon sehr fortschrittlichen Denkens galten erste wissenschaftliche Untersuchungen im Mittelalter der Frage, inwieweit das Menstruationsblut giftig sein oder gar magische Fähigkeiten besitzen könnte. Wesentlich bodenständiger widmeten sich die Betroffenen selbst diesem Thema. Baumwolltücher oder ähnliche Stoffe dienten zum Schutz und wurden an sich nicht anders verwendet, als die Monatsbinden von heute. Wer sich keine Stoffe hierfür leisten konnte, ließ das Menstruationsblut einfach an den Beinen herunterlaufen. Aus diesem Grund war es den Frauen im Mittelalter teilweise auch verboten, Wein zu stampfen.

 

Rasieren

Die Rasur des Mannes spielte schon im Mittelalter eine wichtige Rolle. Je nach Standort variierten zwar die Methoden, doch gefragt war das gepflegte Barthaar eh und je. Während im Orient gerne mit einem Bindfaden vorgegangen wurde, ließen sich die Männer im europäischen Raum durch scharfe Rasierklingen pflegen. Da dies ein hohes Maß an Präzision und Geschick erforderte, wurde dafür nicht selten ein professioneller Barbier aufgesucht. Dieser teilte sein Haus in vielen Fällen mit dem Bader. Männer schlugen so gleich zwei Fliegen mit einer Klappe. Ein Besuch beim Bader galt nämlich neben der Rasur auch dem Bad, was ein enormer Schritt in Sachen Körperpflege war. Auch die Badekultur kann als Erbe orientalischer Einflüsse bezeichnet werde. Noch heute finden sich in Europa zahlreiche Bäder der Türken und Osmanen.

 

Waschen

Eine tägliche Wäsche war im Mittelalter wohl eher nicht die Regel. Wenn man sich wusch, wurde Wasser gemischt mit Asche verwendet. Dies hat zum Einen eine fettlösende Wirkung und sorgt zum Anderen für ein besseres Abreiben des Schmutzes.

 

Zahnpflege

Während sich selbst die alten Ägypter Gedanken über ihre Zahnpflege machten, war dieses Thema im Mittelalter so gut wie ausgestorben. Allein der Adel versuchte, mit duftenden Ölen oder Mundwässerchen dem Mundgeruch Herr zu werden. Im Volk spielten derlei Sorgen keine Rolle. Obwohl dies aus heutiger Sicht undenkbar ist, sollte nicht vergessen werden, dass unsereiner wesentlich mehr Zucker zu sich nimmt, als ein gewöhnlicher Bauer des Mittelalters. Karies ist daher ein Problem der Neuzeit und befiel das Mittelalter nur in sehr geringem Maße. Einen Zahnarzt an sich gab es auch nicht. Kam es doch einmal zu Zahnproblemen oder Schmerzen wurde der Übeltäter kurzerhand gezogen. 

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