Für die Dauer von ungefähr siebenhundert Jahren scheint die Magie unterdrückt, ja ausgerottet gewesen zu sein. Die Kirche ist auf Felsen gebaut; ihre Vertreter wissen, dass nichts sie gefährden kann. Dieses Gefühl der Sicherheit hat nun eine bedingte Toleranz an die Stelle der früheren Strenge treten lassen, eine Tatsache, die sich in der Art zeigt, wie die Obrigkeit sich zum Volksaberglauben und den alten Volksbräuchen stellte.

Unter den frühen Gesetzen gegen die Magie gibt es einige, die erstaunlich milde sind. So bestimmt die Lex Salica, das Salische Recht, dass „eine Hexe, die Menschenfleisch gegessen hat und dieses Verbrechens überführt worden ist, 8000 denarii, also 200 Goldpfennige, bezahlen muss". Dieser Betrag ist zwar hoch, aber das Verbrechen ist auch ungeheuerlich, zumal in einer Zeit, in der der Hang eines Menschen zum Aasgenuss nicht als psychische Störung verstanden werden konnte, sondern nur als eine furchtbare, strafwürdige Verirrung. Dieses Salische Recht wurde von Chlodwig I. (466-511) bestätigt. Es belegt die Verzauberung durch magische Knoten mit einer Strafe von 72 Pfennigen und einer halben Goldmünze. Sehr seltsam ist dabei, dass die meisten Strafen für böse magische Handlungen niedriger sind als die für Verleumdungen, d. h. für die fälschliche Anklage, dass eine Person eine Hexe sei. Das Ripuarische Recht bestimmte, dass aller Schaden, der von einem Zauberer ausgeht, Verletzung der Gliedmaßen oder des Eigentums, durch Geld wiedergutgemacht werden müsse. In Zweifelsfällen konnte der Angeklagte sich durch Eid wieder entlasten. Das Gesetz Karls des Großen bestimmte Gefängnis für Zauberer und Hexen, außerdem eine bestimmte Busezeit. Das Gesetz des Withred, des Königs von Kent (690), lautet: „Wenn ein Mann Teufeln Opfer bringt, so soll er eine Strafe von sechs Schillingen bezahlen oder seine Haut!"

Es ist bemerkenswert, dass die Strafen für die oberen Klassen strenger waren als für die unteren. So bestimmte die früheste englische Zusammenstellung kirchlicher Zuchtmittel, der Liber Poenilentialis des heiligen Leonhard (7. Jahrhundert), Gefängnis für das, was die Kirche als ein entsetzliches Verbrechen betrachtet haben muss, nämlich das Dämonenopfer: „Ein Jahr Buße, wenn er ein Bauer niederen Standes ist; wenn er höheren Standes ist, zehn Jahre." Handelte es sich dabei um das Leben des Königs oder eines Mitglieds der königlichen Familie, so wurde ein anderer Maßstab angelegt; ein magischer Versuch, den Herrscher zu töten, wurde grausam bestraft. Manchmal benutzte man allerdings die Hexerei auch nur als Vorwand, um den Huf von einer unliebsamen Person zu befreien. Die Schärfe, die während solcher Verhöre angewandt wurde, darf jedoch nicht so verstanden werden, als sei sie in der staatlichen Rechtsprechung festgelegt gewesen.

Die Formulierung eines Gesetzes setzt das Vorhandensein eines Verbrechens voraus. Dass die Magie nicht vollständig ausgerottet war, haben wir schon im Zusammenhang mit der Alchimie vermutet. Die hermetischen Künste wurden besonders im Osten gepflegt, und frühe französische, spanische und englische Gelehrte erwähnen sie so gut wie gar nicht. Aber aus den Schriften des Westens erfahren wir, dass viele heidnische Bräuche in den unteren Volksschichten weiterlebten: Zauberei, magische Knoten, Verkleidung in mythische Tiere, nächtliche Versammlungen von Zauberern, Talismane, Krauter, Steine und Gifte, Beschwörungen, Zauberformeln, Dämonenglaube und viele andere magische Bräuche, die in jenen scheinbar so friedlichen Jahrhunderten üblich waren. Jedermann glaubte an die Macht der Magie, die Gelehrten ebenso wie die Fürsten und die Geistlichkeit.

Die Verfasser der uns überlieferten Schriften unterscheiden nicht genau zwischen Magie und Zauberei. Die meisten verurteilen solche Praktiken in Bausch und Bogen, und nur einige wenige halten sie der Erforschung wert. Auf astrologischem Gebiete waren sie jedoch nicht ganz so sicher. Ihres philosophischen Wissens wegen wiesen sie den Sterndeutern und Mathematikern einen höheren Rang zu als den gewöhnlichen Zauberern. So glaubte Boëthius (? 480-524), der berühmte Verfasser des Buches De Consolatione Philosophiae („Trost der Philosophie") auch an die Macht der Sterne und daran, daß sie Menschen und Dinge auf dieser Erde beeinflussen.

In der Philosophie weniger beschlagen und mehr interessiert für die reine und einfache Zauberei war Isidor von Sevilla (ca. 560-636). Er glaubte an Vorzeichen künftiger Dinge, an Wunder und die Bedeutung von Missgeburten. In seinem geschichtlichen Überblick nennt er Zoroaster und Demokrit als die Erfinder der Magie. Sie ist für ihn gleichbedeutend mit Zauberei, mit Künsten, die in der Luft Störungen verursachen, und den Verwünschungen, die den Tod zur Folge haben. Die Zukunft kann durch divinatorische Künste erkannt werden usw. Bei seiner Kritik der Magie entnimmt er seine Argumente den Kirchenvätern. Auch der englische Geschichtsschreiber und Mönch Beda (675-735) glaubte an Wunder sowie an die Wahrsagerei.

Papst Gregor der Große (590-604) befasst sich mit diesen Dingen hauptsächlich in Bezug auf kirchliche Fragen. Sein Lieblingsthema ist das Besessensein des Menschen vom Teufel. Er zeigt sich erstaunlich leichtgläubig bei abergläubischen Geschichten und beschäftigt sich auch ausgiebig mit den Wundertaten der Heiligen.

Außer diesen bescheidenen Schriftzeugnissen gab es noch einige wahllose Zusammenstellungen klassischer Fragmente. Diese Bücher wurden fälschlich verschiedenen berühmten Verfassern des Altertums zugeschrieben, waren aber nur armselige Überbleibsel alter Weisheit, die diesen dürren Zeiten als geistige Nahrung dienten.

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