Hildegard von Bingen gilt als bedeutendste Deutsche des Mittelalters. Die unerschrockene Nonne war eine Frau in einer Führungsposition unter lauter Männern. Sie war Medizinerin, Dichterin, Kirchenpolitikerin, Prophetin. Kaiser Barbarossa suchte ihren Rat, und noch heute folgen viele ihren Lehren. Auch die Kirchengeschichte hat ihre Popstars.

 

Hildegard von Bingen wurde im Jahre 1098 in Bermersheim geboren, vermutlich ist sie die Tochter der edelfreien Hildebertus und Mechthild von Bermersheim (Vernersheim) und deren zehntes Kind. Hildegard war der jüngste Nachkömmling ihrer Eltern. Schon als kränkliches Kind hatte sie Visionen; sie behielt diese prophetische Gabe, Vorauszusehen und Gegenwärtiges im Blick auf die Zukunft richtig zu deuten, ihr Leben lang.

Hildegard wurde bei ihrer Verwandten Jutta von Sponheim in deren neu gegründeten Frauenklause am Kloster Disibodenberg mit 15 weiteren Mädchen erzogen. Auch hier war sie immer wieder krank, kaum fähig zum Gehen, oft auch durch Sehbehinderungen eingeschränkt. Mit sechzehn Jahren, also etwa im Jahre 1114 nach Christus entschied sie sich endgültig, im Kloster nach der Benediktusregel zu leben. Nachdem sie nun die monastischen Gelübde ablegte, erhielt sie vom Vertreter des Erzbischofs von Mainz, dem heiligen Bischof Otto von Bamberg, den Ordensschleier.

Nach dem Tode Juttas von Sponheim wurde sie 1136 zur "Meisterin der Klause" (Äbtissin) gewählt und gründete zwischen 1147 und 1150 über dem Grab von Rupert von Bingen das Kloster Rupertsberg bei Bingen am Rhein, das heute nicht mehr existiert, und 1165 in Eibingen ein noch bestehendes Fillialkloster. Ab dem Jahre 1138 begann sie, ihre Werke in Latein nieder zu schreiben. Mit 20 Schwestern siedelte sie 1148 vom Disibodenberg auf den Rupertsberg bei Bingen am Rhein über.

Männer und Frauen aller Stände des Volkes suchten sie in ihrem Kloster auf oder baten schriftlich um ihren Rat; mit Kaiser Friedrich Barbarossa führte sie einen ausführlichen Briefwechsel. Da sie selbst nicht perfekt Lateinisch konnte, diktierte sie alle ihre Schriften. Von Bernhard von Clairvaux gefördert, begann sie 1141 in Zusammenarbeit mit Propst Volmar von Disibodenberg , der ihre Grammatik korrigierte, sowie der Nonne Richardis von Stade ihre Visionen und eigenen theologischen wie anthropologischen Vorstellungen in lateinischer Sprache im Duktus mystischer Prophetie nieder zu schreiben. Ihr Hauptwerk "Liber Scivias Domini" (Wisse die Wege des Herrn), wie sie die 35 ganzseitigen Miniaturen nannte, entstand in einem Zeitraum von sechs Jahren. Die Originalhandschrift gilt seit Ende des 2.Weltkrieges als verschollen, allerdings existiert eine illuminierte Kopie aus dem Jahr 1939.

Man nannte die wohl größte Mystikerin Deutschlands ehrfurchtsvoll Tischgenossin Gottes. Im Vorwort zu Scivias, führt Hildegard aus: Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, sah ich ein überaus stark funkelndes Licht aus dem geöffneten Himmel kommen. Es durchströmte mein Gehirn, mein Herz und meine Brust ganz und gar, gleich einer Flamme, die jedoch nicht brennt, sondern erwärmt. Es erglühte mich so, wie die Sonne einen Gegenstand erwärmt, auf den sie ihre Strahlen ergießt. Und plötzlich hatte ich die Einsicht in den Sinn und die Auslegung des Psalters, des Evangeliums und der anderen Schriften des Alten und Neuen Testamentes.

Hildegard war Künstlerin und Wissenschaftlerin, Mystikerin und Ärztin, Dichterin und politisch engagiert, dennoch von zartem und gebrechlichem Wesen und lebte in einer von Männern dominierten Welt. Ihre Regeln für eine gesunde Lebensführung klammerten auch die Sexualität nicht aus, ihre Gedanken zur Rolle der Frau waren mutig und richtungsweisend. Unter dem ständigen Druck der über sie kommenden Gesichte begann Hildegard 1141, ihre Visionen schriftlich festhalten zu lassen.

Bernhard von Clairvaux verteidigte Hildegards Aussagen gegenüber Papst Eugen III. 1147/48 auf der Trierer Synode. Ihr selbstbewusstes Auftreten ließ sie zu einer charismatischen Persönlichkeit werden ("von innerem Licht beauftragt, ihre himmlische Belehrung mitzuteilen").

Sie predigte als erste Frau öffentlich, unter anderem auf Predigtreisen nach Mainz, Würzburg, Bamberg, Metz, Bonn und Köln. Hildegard predigte auch auf dem Marktplatz in Trier, beriet Kaiser Barbarossa in Ingelheim am Rhein, ritt noch in hohem Alter zum Kloster Zwiefalten in Oberschwaben und nach Maulbronn, „von innerem Licht beauftragt, ihre himmlische Belehrung mitzuteilen”. Nach Aufstellung des dritten Gegenpapstes durch Kaiser Barbarossa bezog Hildegard in einem Brief an ihn eindeutig Stellung, bekannte sich zu Papst Alexander III. und schrieb freimutig: „Gib acht, dass der höchste König dich nicht zu Boden streckt!”

Ihr erstes, 1141 bis 1147 verfasstes visionäres Werk „Liber Scivias Domini”, „Wisse die Wege Gottes”, schrieb Hildegard zusammen mit Propst Volmar von Disibodenberg, den sie „symmista”, „Miteingeweihten”, nannte. Das schwer verständliche Buch ist durchweg prophetisch und mahnend in der Art von Ezechiel und der Offenbarung des Johannes. Hildegard schlägt einen großen heilsgeschichtlichen Bogen von der Schöpfung der Welt und des Menschen über das Werden und Sein der Kirche bis zur Erlösung und Vollendung am Ende der Zeiten. Die ewige Geschichte von Gott und Mensch, von Abkehr und Hinwendung des Menschen zu seinem Schöpfer, wird in immer neuen Bildern anschaulich gemacht. Das ihr oft zugeschriebene Zitat „Werde was du bist - Mensch, werde Mensch” stammt zwar nicht von Hildegard, charakterisiert aber ihre Denkweise.

„Die heilige Gottheit kann keiner je begreifen, nicht einmal berühren mit seinem Verstand, so hoch er ihn auch emporrecken mag. Gott ist höher als alles”, schrieb sie knapp hundert Jahre, bevor Thomas von Aquin genau dies in unübertroffener Meisterschaft versuchte - bis auch er nach einer mystischen Erfahrung ein Jahr vor seinem Tod dieses Bemühen einstellte. Das Geheimnis des Geistes Gottes ist für Hildegard aber in der Schöpfung erfahrbar: „Alles durchdringst Du, die Höhen, die Tiefen, jeglichen Abgrund.” Das Obere begegnet dem Unteren, der Schöpfer in der Schöpfung, in jedem Menschen, jedem Tier, jeder Pflanze, jedem Stein lässt er sich lesen, Belebtes und Unbelebte klingen zusammen in einer großen „Symphonia”. Die Erde ist nicht die endgültige Heimat des Menschen, aber sie ist viel mehr als wertlose Hülle.

Das Grundübel des Menschen besteht für Hildegard darin, dass er - mit dem „schwarzen Engel” - immer nur „Ich und Ich” sagt und „sich anmaßend selbst das Gesetz gibt, so als ob er sein eigener Gott sei”. Die Lösung sei, sich selbst zu verlassen, die eigene Unordnung, dann erst den Leib, zu kurieren durch Reue: „Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel. Das heißt: gegen das himmlische Kunstwerk, das ich selbst bin”. Der einzige, der wirklich den Namen „Arzt” verdiene, Christus, vermittelt die Einsicht und öffnet den Weg zum Vater.

Hildegard erwies sich auch als Dramaturgin, Dichterin und Komponistin, verfasste Texte und Melodien zu 77 Liedern (Kirchenlieder, Sequenzen, Wechselgesänge und Antiphone) und das Singspiel „Ordo Virtutum”, „Spiel der Kräfte”, in dem sie den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse in 35 dramatischen Dialogen zur Darstellung bringt. Ihre selbst vertonten geistlichen Lieder sind in der Sammlung Symphonia armonie celestium revelationum (Die Symphonie der Harmonie der himmlischen Erscheinungen) zusammengefasst. Theologisch brachte sie dieses Thema in ihrem zweiten großen Hauptwerk, dem „Liber Vitae Meritorum”, „Buch des verdienstlichen Lebens” noch einmal zur Sprache. Der Mensch, so Hildegards Grundanliegen, ist frei geschaffen und sein Leben lang in die Entscheidung gestellt, seiner in der Schöpfung grundgelegten Gottesebenbildlichkeit zu entsprechen; als Vorbild enthält das Buch eine malerische Lebensbeschreibung Christi.

Nach 1150 verfasste Hildegard mit "Causae et Curae" (Ursachen und Heilungen) eine Abhandlung über den kranken Menschen und weitere naturkundlichen Werke wie "Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum". Darüber hinaus schrieb sie historische und exegetische sowie homiletische Abhandlungen; ihre umfangreiche Korrespondenz mit hohen geistlichen und weltlichen Würdenträgern ist in 300 Schriftstücken erhalten geblieben.

Ihr letztes, 1163-1170 entstandenes Werk war das „Liber divinorum operum”, „Buch der göttlichen Werke”, eine Betrachtung der Natur im Licht des Glaubens, ein gewaltiges, den gesamten Kosmos betrachtendes Werk. Hildegard lässt die Welt als Kunstwerk Gottes aufstrahlen; der Mensch erscheint als Mikrokosmos, der in all seinen körperlichen und geistigen Gegebenheiten die Gesetzmäßigkeiten des gesamten (Makro-)Kosmos widerspiegelt. Alles ist aufeinander bezogen, wechselseitig miteinander verbunden und in Gott untrennbar vereint. „O Mensch”, ruft Hildegard aus, „schau dir doch den Menschen richtig an: Der Mensch hat ja Himmel und Erde und die ganze übrige Kreatur schon in sich selber und ist doch eine ganze Gestalt.”

Obwohl Hildegard selbst ihre Quellen mit keinem Wort erwähnt hat, lässt sich nachweisen, dass sie unter anderem folgende Werke gut gekannt haben muss: zunächst das bereits im 2. Jahrhundert in Ägypten entstandene allegorisierende Naturkundebuch, den "Physiologus"; dann im Bereich der Pflanzenkunde die wichtigste Arzneipflanzenkunde der Antike, die ca. 500 Pflanzen behandelnde "Materia medica" des griechischen Arztes Dioskurides Pedanios (1. Jahrhundert nach Christus); dann natürlich den berühmten "Hortulus" des Reichenauer Abtes Walahfried Strabo (um 840) sowie das meistgebrauchte Heilpflanzenbuch des Mittelalters, den "Macer Floridus" (11. Jahrhundert), schließlich das verbreitete Pflanzenarzneibuch "Circa instans", das ebenfalls im 11. Jahrhundert in der medizinischen Schule von Salerno entstanden war.

Im Herzen des Universums steht für Hildegard der Mensch, das „volle Werk” des Schöpfers, denn nur der Mensch kann ihn erkennen; aber deshalb steht der Mensch auch vor der Entscheidung: steigt er empor, hebt er die Schöpfung mit sich empor; fällt er, reißt er die Schöpfung mit in den Abgrund. „Immer haben wir den Geschmack des Paradiesapfels im Munde” - die Lust der Empörung und Selbstzerstörung. Die Freiheit des Menschen führte zur Ursünde, aber Gott wollte freie Menschen: „Mit der Macht deiner überaus herrlichen Kraft überwältigst du niemand.” Hildegard empfand sehr stark die Auswirkungen des menschlichen Handelns auf die Schöpfung - im Guten wie im Bösen.

Gottes „liebende Umarmung aller Kreatur” erhebt die Schöpfung über das bloß Natürliche hinaus und richtet sie zugleich - auf und zurecht. Wenn der Mensch seine Ichbezogenheit, sein Aufbegehren gegen Gott, beendet, erfährt er sich in freundschaftlicher Verbundenheit mit den anderen Geschöpfen, taucht die „Urfreude” in ihm auf: die Seligkeit, gewollt zu sein; Hildegard nennt das die „fröhliche Wissenschaft”: „Jedes Geschöpf ist mit einem anderen verbunden, und jedes Wesen wird durch ein anders gehalten.”
Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist auch der Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. Krankheit ist für sie ein Defizit oder Ungleichgewicht, Gesundheit dagegen das Gleichgewicht der Seele. In ihren Werken „Causae et curae”, „Ursachen und Behandlung”, und ihrer „Physica”, „Naturkunde”, wird deutlich, dass Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben ausgehen kann, denn der Glaube allein bringt gute Werke und eine maßvolle Lebens-Ordnung hervor. In ihren Büchern „Liber Simplicis Medicinae” und „Liber Compositae Medicinae” hat Hildegard 280 Pflanzen und Bäume katalogisiert und nach ihrem Nutzen für Kranke aufgelistet. Der Rupertsberg wurde das Zentrum der Kranken, Hilfe- und Ratsuchenden des ganzen damaligen Rheingaus.

Hildegards seelsorgliche Arbeit galt vor allem dem Klerus, der damals zu verweltlichen drohte. Alle, die ein Vorsteheramt zu verwalten hatten, warnte sie vor Härte und empfahl Barmherzigkeit und Maßhaltung. In Köln sprach sie öffentlich zum Klerus, die Predigt ist erhalten: „Ihr seid eine Nacht, die Finsternis ausatmet, und wie ein Volk, das nicht arbeitet. Ihr liegt am Boden und seid kein Halt für die Kirche, sondern ihr flieht in die Höhle eurer Lust. Und wegen eures ekelhaften Reichtums und Geizes sowie anderer Eitelkeiten unterweist ihr eure Untergebenen nicht. Ihr solltet eine Feuersäule sein, den Menschen voraus ziehen und sie aufrufen, gute Werke zu tun.”

 

1165 gründete sie das heute noch bestehende Tochterkloster Eibingen bei Rüdesheim.


Hildegard von Bingen starb am 17. September 1179 auf dem Rupertsberg.


1632 wurde das Kloster Rupertsberg zerstört, Hildegards Reliquien wurden nach Köln, später nach Eibingen gebracht. Theodor Schnitzler nannte sie „Deutschlands größte Frau”. In neuerer Zeit hat Hildegard besonders mit ihren Vorstellungen von Naturheilkunde und Ernährung wieder große Beachtung gefunden.

Ihre Werke in der Zusammenfassung:

  • Liber Scivias Domini ( 1141 - 1147 nach Christus)
  • Liber vitae meritorum ( Fertigstellung 1163 nach Christus)
  • Liber divinorum operum ( ca. 1163 - 73 / 74 nach Christus)
  • Physica ( Fertigstellung 1158 nach Christus)
  • Causae et curae ( Fertigstellung 1158 nach Christus)
  • Liber subtilitatum diversarum naturanum creaturarum
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