Die Reform des Ehestandes und Durchsetzung des Zölibates für Priester führte im 12. Jahrhundert zu einem Gesellschaftswandel und zu “Versorgungslücken“ allein stehender Frauen. In dieser Zeit wählten vor allem adelige Damen, wohlhabendere Frauen und Witwen verstärkt das sichere Leben im Kloster. Dadurch kam es zu einer so starken “Nachfrage“ nach Frauenklöstern, dass im Jahre 1215 sogar ein Verbot erlassen wurde, neue Orden zu gründen, die vielleicht mehr Frauen hätten aufnehmen können. Ein Ausweg aus dieser Lage ergab sich für die Frauen dadurch, dass sie erklärten, freiwillig arm und keusch zu leben, sei es bei ihrer Familie oder in klosterähnlich organisierten Gemeinschaften. Diese Gemeinschaften wurden dann später mit dem Sammelnamen “Beginen“ bedacht – es gab also für diesen Orden keine Gründerin und demzufolge auch keine gemeinsame Regel. Für die Herkunft des Namens gibt es unterschiedliche Erklärungsversuche – so soll er von den Albigensern bzw. auch von dem Lütticher Priester Lambert de Beghe, der Ende des 12. Jahrhunderts mit einer unter seiner geistlichen Leitung stehenden Gemeinschaft von Frauen zusammen lebte, stammen. Einige Autoren leiten den Namen “Begine“ auch von der graubraunen (= beigen) Farbe ihrer Tracht ab, vom alt-flämischen Wort “beghen“ (= beten) bzw. von der Hl. Bega, Patronin von Nivelle, wo unsicheren Quellen zufolge das erste Beginenhaus bereits 961 gegründet worden sein soll. Das männliche Pendant zu den Beginen waren die Begarden, meist Weber, die ebenfalls Konvente gründeten oder als Wanderprediger durch die Lande zogen. Zahlenmäßig fielen sie jedoch gegenüber den Beginen kaum ins Gewicht.

 

Sesshafte Beginen

Die frühe Beginenbewegung in Flandern bzw. Belgien ging von Angehörigen des Adels und des bürgerlichen Mittelstandes aus. Die Ordensfrauen waren sesshaft und widmeten ihr Leben vor allem der Kontemplation, dem Gebet und den geistlichen Übungen. Auch wenn sich diese Beginen später teilweise durch Handarbeit finanzierten, gehörte zum Leben in beschaulicher Muße doch eine finanziell gesicherte Existenz, die durch das eingebrachte Vermögen der eintretenden wohlhabenden Frauen ermöglicht wurde. Im Jahre 1207 gab es bereits ein Beginenhaus in Ghent, 1245 in Brüssel, 1234 in Luvain, 1244 in Brügge und gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab es kaum eine niederländische Kommune ohne Beginenhaus, während es in den größeren Städten sogar oft mehrere Häuser gab. Auch in den sehr schnell längs der großen Handelsstraßen entstehenden Konventen lebten zunächst keine armen Frauen.

Die meisten deutschen Beginen arbeiteten allerdings, vor allem im Textilhandwerk, aber auch als Lehrerinnen, als Krankenpflegerinnen oder später als Klageweiber und Leichenwäscherinnen. Meist unterrichteten die Beginen nur Mädchenklassen, für Mainz, Köln und Lübeck ist jedoch belegt, dass sie beide Geschlechter erzogen.

Als Ausnahme von den überwiegend arbeitenden Beginen innerhalb Deutschlands gilt Bremen, wo die Beginen von den Einkünften ihres großen Landbesitzes leben konnten. Die Beginenbewegung breitete sich in Deutschland sehr rasch aus, 1223 gab es in Köln bereits 22 Beginenhöfe mit 2000 Beginen, 1351 in Straßburg 60 Häuser mit 1200 Beginen. Im 13. Jahrhundert waren die Beginenkonvente Zusammenschlüsse von Frauen, die auch in den bürgerlichen Konventen einen, vielleicht bescheidenen, Besitz einbringen mussten und von ihrer Hände Arbeit lebten.

Das Beginentum entwickelte sich über vier verschiedene Phasen. Anfangs lebten die ersten Beginen einzeln als conversae (Bekehrte) in Klausen oder in ihrem eigenen Zuhause bzw. dem Haus ihrer Eltern. Diese frühen Beginen gingen keine Gelübde ein und verschrieben sich weder der Armut noch legten sie ihren Beruf ab. Mit dem Beginn des 13. Jahrhunderts begannen die Frauen, sich in Konventen zusammen zu schließen und sich unter den Einfluss von Klerikern zu stellen (meist Zisterzisienser und Dominikaner). Die dritte Stufe des Beginentums begann mit der Errichtung von Hospizen, um die herum sich die Frauen ansiedelten. Hier kümmerte man sich um die älteren und kranken Mitschwestern, und nach und nach wurde die Pflege alter, kranker oder mittelloser Frauen zur offiziellen Aufgabe der Beginen. Als letzte Phase kann man dann das Entstehen der sogennten Beginenhöfe ansehen, die sich im späten 13. Jahrhundert entwickelten. Gegen Ende des Mittelalters wurden einzelne Beginengemeinschaften straffer organisiert und Hospitälern als Pflegepersonal zugeordnet; beim Auftreten großer Seuchenzüge wie der großen Pestwelle des 14. Jahrhunderts wurden sie in manchen Städten vom jeweiligen Rat sogar dazu gezwungen, sich der Krankenpflege zu widmen.

Allen Lebensformen der Beginen war gemeinsam, dass sie sich zu persönlicher Armut und Keuschheit verpflichteten, solange sie als Begine lebten. Im Gegensatz zu anderen Ordensfrauen legten sie aber keine lebenslangen Gelübde ab. Sie konnten die Konvente wieder verlassen und das eingebrachte Kapital bis auf das bis zu diesem Zeitpunkt verbrauchte Geld mitnehmen. Im Unterschied dazu lebte das männliche Pendant, die Begarden, zwar nach den gleichen Regeln wie die Beginen, sie hatten jedoch kein persönliches Eigentum, sondern brachten alle Einkünfte in einen gemeinsamen Fond ein, von dem alle Mitglieder der Gemeinschaft lebten.

Die Begarden rekrutierten sich meist aus den unteren sozialen Schichten, häufig Weber, Färber, etc. und in einigen Städten konnten nur Angehörige der Weber-Zunft in diese Gemeinschaft aufgenommen werden. In der zweiten Hälfte des 13. und im 14. Jahrhundert gab es vor allem in den großen Städten eine Reihe von Beginenhäusern, die auf Stiftungen wohlhabender Bürger/innen beruhten und armen Frauen die Möglichkeit boten, dort zu leben und zu arbeiten. So wurden die Beginenhäuser zu Versorgungseinrichtungen für mittellose Frauen. Häufig waren die Stifterinnen wohlhabende Witwen. Die Zahl der Insassinnen wurde zumeist von den Stifterinnen festgesetzt und bewegte sich zwischen zwei und 26.

In Frankfurt/Main wurden zwischen 1250 und 1350 57 Beginenhäuser gestiftet, das entsprach drei Prozent der Häuser der Stadt. Alle Beginenhäuser hatten ähnliche Statuten: Es gab ein Stiftungsvermögen, von dessen Zinsen die Frauen lebten. Brauchten sie zusätzliches Geld, mussten sie es selbst verdienen. Neben den typischen Hofanlagen der großen Beginenkonvente, die rund um eine kleine Kirche angelegt wurden, wurden auch Strassenbeginenhöfe konzipiert. In Deutschland gab es sehr viele kleine, verstreute Beginenkonvente. Die Insassinnen wählten eine Meisterin bzw. Grande Dame, die sie auch wieder absetzen konnten, und sie entschieden über die Nachfolgerinnen Verstorbener oder Ausgezogener und über den Ausschluss von solchen Frauen, die sich nicht an die Regel des Konventes hielten. Die Struktur der Konvente war also wesentlich demokratischer als in den “regulären“ Orden, wo die Äbtissin mit wesentlich mehr Befugnissen ausgestattet war.

Die im Textilgewerbe tätigen Beginen stellten für die Zünfte eine unliebsame Konkurrenz dar, allerdings wurden sie auch als Schwarzarbeiterinnen und damit als Lohndrückerinnen von einzelnen Meistern benutzt. Nicht selten wurde vom Rat einer Stadt festgesetzt, wie viele Webstühle in einem Beginenhaus aufgestellt werden durften, wie breit ihre Webereien sein durften oder dass sie nur zur Deckung des eigenen Bedarfes und nicht zum Verkauf weben durften. Lehrende Beginen wurden von der männlichen Lehrern als Konkurrenz empfunden und häufig angezeigt, woraufhin den Frauen die Lehrtätigkeit oft eingeschränkt oder verboten wurde.

Die sesshaften Beginen waren also einigermaßen bemittelt, mussten jedoch fähig sein, sich auch selbst etwas durch eigene Arbeit zu verdienen. Sie strebten nach ökonomischer Selbständigkeit und lebten in selbst gewählter Armut, im 14. Jahrhundert auch als ungewollt Arme, jedoch nicht als Bettlerinnen.

 

Schweifende Beginen

Die soziale Lage der vielen verarmten Frauen zu lösen, war jedoch selbst bei der relativ hohen Zahl von Stiftungen nicht möglich. Viele Frauen waren aufs Betteln und/oder die Prostitution angewiesen. Diese Frauen stammten zum größten Teil aus den bäuerlichen und Tagelöhner-Schichten. Viele Frauen zogen deshalb als “fahrendes Volk“ zusammen mit Männern durch das Land, begleiteten als Tross Kriegsheere oder ließen sich in Scharen als Prostituierte in Städten nieder, in denen größere Konzile oder Reichstage stattfanden.

Ein gewisser Schutz fahrender Frauen bestand darin, sich religiösen Gruppen anzuschließen. Diese bezeichnete man als fluktuierende oder schweifende Beginen. Sie unterhielten sich vorwiegend vom Betteln, nach dem Motto “Brot durch Gott“. Neben dem Betteln sollen sie auch von Diebstahl und Prostitution gelebt haben. An den schweifenden Beginen wurde nicht nur die Form des Bettels “Brot durch Gott“ kritisiert (nach damaliger Meinung sollten sie arbeiten oder betteln wie andere Christenmenschen), sondern sie wurden vor allem der Ketzerei verdächtigt. Allerdings gab es auch eine Reihe allein lebender oder in Konventen lebender Beginen, die sich gegen den Vorwurf der Ketzerei verteidigen mussten, aber die stärkere Kritik und Verfolgung richtete sich gegen die schweifenden Gruppen.

 

Beginenverfolgung

Die Beginenbewegung war insgesamt sehr viel schwerer zu kontrollieren als die hierarchisch gegliederten regulären Orden. Zwar wurde auch hier eine Kontrolle durch Begrenzung der Insassinnenzahlen und durch Anschluss als sogenannte Tertiarinnen an Dominikaner- oder Clarissenklöster versucht, und auch in Beginenkonventen gab es Beichtväter, die gefährliche Tendenzen frühzeitig erkennen und eindämmen sollten. Dass Frauen jedoch auch einzeln bzw. in Klausen als Beginen lebten, wurde von der Geistlichkeit nicht gerne gesehen. Die Konzile von Fritzlar(1259) und Mainz(1261) verdächtigten genau jene Frauen der Instabilität, die Keuschheit gelobten und das Gewand der Beginen anzogen, ohne in einem Konvent zu leben. Den Beginen wurden deshalb verschiedenste Restriktionen auferlegt, unter anderem wurde das Eintrittsalter auf 40 Jahre begrenzt, damit sie nicht Anlass zu Skandalen gaben, und in den Konventen durften Kleriker oder Mönche nur unter Zeugen mit den Frauen sprechen.

Die umherschweifenden Beginen waren allerdings kaum zu kontrollieren, schon deshalb, weil sie nicht sesshaft waren, und später dann, weil sie die Sakramente ablehnten und sich damit dem Einfluss der Beichtväter entzogen. Nachdem Beginen- und Begarden-Niederlassungen mit der Bulle Gloria virginalis 1233 erlaubt worden waren und sich ungestört ca. 100 Jahre lang entwickeln konnten, wurden die schweifenden Gruppen schon sehr bald gemaßregelt. Provinzialkonzile und Inquisitionsgerichte beschäftigten sich mit den schweifenden Beginen. Mit dem 14. Jahrhundert begannen die Verfolgungen allgemeiner zu werden. Zu diesem Zeitpunkt gab es neben den sesshaften schon so viele schweifende Beginen, dass ihre Existenz und Theologie bedrohlich auf die offizielle Kirche wirken mussten. Ein besonderer Dorn im Auge der Kirche war, dass die Beginen in ihrer Muttersprache, also nicht in der Kirchensprache, also Latein, schrieben und predigten. Im Jahre 1310 wurde Margarete von Porete in Paris verbrannt, nachdem ein Ketzerprozess gegen sie geführt und sie der Häresie überführt worden war. 1311 beschäftigte sich das Konzil von Vienne mit den Beginen, 1317 wurden die Beschlüsse gegen sie veröffentlicht.

Viele Beginengemeinschaften versuchten, mit der Annahme der Tertiarinnen-Regel den Verfolgungen zu entgehen. Auch die Städte schützten ihre Beginenhäuser, häufig, indem sie sie pro forma als städtisches Eigentum übernahmen. In einer neuen Bulle unterschied Papst Johannes zwischen rechtgläubigen und häretischen Beginen einerseits und zwischen den den Bettelorden angeschlossenen Tertiarierinnen und den säkularen Beginen andererseits. Nur die häretischen Beginen wurden verfolgt, deren Ketzerei durch Inquisitionsgerichte festgestellt wurde. In den Jahren 1366-78 wurden alle Beginen wieder in großem Stile verfolgt und exkommuniziert, ihr Besitz wurde beschlagnahmt, verkauft oder in Inquisitionsgefängnisse umgewandelt, und auch Kaiser Karl forderte 1367 durch ein Mandat geistliche und weltliche Herren sowie die Städte auf, die Inquisition zu unterstützen. Gleichzeitig fand eine Reihe von Handwerkeraufständen statt, die sich gegen die Arbeitsmöglichkeiten von Frauen wehrten. Der durch Papst Urban V. Für Deutschland bestellte Inquisitor hat allein in Erfurt zwischen 1367 und 1369 400 Beginen verurteilt (200 wurden verbrannt und 200 mussten Bußkreuze tragen). Nach erneuten Vorstößen der Städte begann eine dritte allgemeine Verfolgungswelle um 1400. Ende des 15. Jahrhunderts erschien der Hexenhammer, danach dürften viele Beginen als Hexen verbrannt worden sein.

Die noch verbliebenen Beginenhäuser wurden in Deutschland im Zuge der Reformation aufgelöst, während in Holland und Belgien einige Konvente bis in unsere Zeit erhalten geblieben sind.

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